Sonntag, 12. November 2017

Politiker: Warum der Kohleausstieg nicht möglich ist


Politiker erklären, warum der Kohleausstieg nicht möglich ist

Herr Laschet (CDU, Nordrhein-Westfahlen, Ministerpräsident) ist ein Politiker. Der kann ganz toll, ganz komplizierte Dinge, ganz einfach erklären. Letztens hat er zum Beispiel erklärt, warum er gegen das Ende der Stromerzeugung in Kohlekraftwerken ist.

Er hat gesagt: "Der Kohleausstieg steht nicht zur Debatte .." - weil es ja eigentlich nur um die Frage geht, ".. wie wir CO2-Ziele erreichen, Versorgungssicherheit gewährleisten und bezahlbaren Strom haben. Es geht nicht nur um Klima .." ... - klingt vielleicht komisch, hat er aber so gesagt.

Frau Dött (CDU, MdB) ist eine Poltikerin, die auch gegen den Kohleausstieg ist. Sie meint, das mit dem Kohleausstieg: ".. geht aber nicht so einfach, weil wir natürlich eine Versorgungssicherheit brauchen, in Deutschland." Das hatte Herr Laschet auch schon so gesagt. Dann muss das wohl stimmen.

Frau Dött hat auch noch gesagt, dass wir eine Industrienation sind. Das wusste ich aber schon. Aber weil wir eine Industrienation sind, meint Frau Dött, müsste man also schauen, wie man das mit dem Kohleausstieg schrittweise machen kann. Frau Dött hat leider nicht mehr erklärt, welche Schritte sie damit meint. Vielleicht hat sie aber auch noch gar nicht darüber nachgedacht.

Herr Lindner (FDP, Bundesvorsitzender) ist auch ein Politiker. Für den Fall, dass Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigen würde, fürchtet Herr Lindner das Allerschlimmste: "Wir wünschen uns ganz doll Innovation, und dann schalten wir, bevor wir die Technologien haben, aber sicherheitshalber schon mal Kraftwerke ab - und Deutschland bleibt dunkel."

Als er gesagt hat, das wir Kraftwerke abschalten, bevor wir die Technologien haben, hat Herr Lindner kurz gelacht. Er findet die Idee wohl albern, alte, schmutzige Kohlekraftwerke abzuschalten, bevor man andere, saubere Kraftwerke mit neuen, klimafreundlichen Technologien hat. Vielleicht hat Herr Lindner aber noch nicht mitbekommen, dass es die Technologien dafür schon längst gibt:
Wenn man beim Spazierengehen die Augen offen hält, dann kann man auf dem Land ganz viele Windkraftanlagen sehen und auf den Dächern der Dörfer und Städte gibt es immer mehr Photovoltaik-Module, die aus Wind und Sonne Strom erzeugen.

Also, Herr Laschet hat das mit der Versorgungssicherheit ja wirklich nett erklärt. Und seine Kollegin, die Frau Dött hat auch gesagt, dass die Versorgungssicherheit ganz wichtig ist. Herr Lindner hat sogar Angst davor, dass die Lichter in Deutschland ausgehen, wenn Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Aber dann ist da noch die Frau Kemfert. Und die sagt etwas ganz anderes.

Frau Kemfert (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist eine Umweltökonomin. Und weil sie sich beruflich damit auskennt, meint sie, das sei alles nur ".. ein Mythos, der immer wieder verbreitet wird, den wir schon kennen aus den letzten Jahrzehnten in den Diskussionen." Ein Mythos ist so eine Art wahrgewordenes Märchen - jedenfalls für die Leute, die glauben das an einem Mythos etwas Wahres dran sein muss. Frau Kemfert sagt: "Wir haben nicht zu wenig Strom, wir haben de facto zu viel Strom."

Herr Matthes (Öko-Institut - Büro Berlin, Energieexperte) beschäftigt sich beruflich damit, wie viel Strom in Deutschland erzeugt und verbraucht wird. Ebenso, wie Frau Kemfert, sagt auch Herr Matthes, dass wir uns um die Versorgungssicherheit keine Gedanken machen brauchen, wenn wir einige der schlimmsten CO2-Schleudern unter den Braunkohlekraftwerken abschalten würden (Zitat):
"Wir erreichen in diesem Jahr einen Exportüberschuss von sechzig Milliarden Kilowattstunden, das ist die Jahresproduktion von 20 Kraftwerksblöcken."

  • Auch wenn Herr Laschet das alles so toll erklärt hat, habe ich das Gefühl, dass er dabei wohl das eine oder andere ausgelassen haben muss. Oder er kennt sich als Politiker nicht so gut damit aus, wie Frau Kemfert und Herr Matthes, die beide beruflich damit zu tun haben ...



Aber mal im Ernst:
Sechzig Milliarden kW/h Exportüberschuss ist erheblich mehr Strom, als für die Versorgungssicherheit notwendig ist. 2016 wurde in deutschen Braunkohlekraftwerken 150 Milliarden KW/h Strom erzeugt. Der Exportüberschuss beträgt demnach mehr als ein Drittel der Kapazität der deutschen Braunkohlekraftwerke. Etwa ein Drittel davon könnte also sofort stillgelegt werden, ohne dass 'Deutschland dunkel bleibt'.

Nebenbei bemerkt:
2016 erzeugten die erneuerbaren Energien in Deutschland 188,2 Milliarden kW/h Strom - trotz massiver Ausbaubegrenzungen für Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen war das mehr als in allen Braunkohlekraftwerken zusammen produziert wurde.


(Quelle: Nachrichtensendungen der ARD und des ZDF, WDR Fernsehen, ZDF-Magazin "Frontal 21" vom 07.11.2017, Süddeutsche Zeitung vom 11.10.2017, Öko Institut, AG Energiebilanzen e.V., Tabelle "Stromerzeugung nach Energieträgern 1990 - 2016 - Stand August 2017", Wikipedia )

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