Mittwoch, 11. März 2015

AKW-Neubauten in Europa? Schon vergessen?


12.03.2011, der Tag nach dem Super.GAU: Menschenkette gegen "Laufzeitverlängerung"

Infolge eines Erdbebens begann heute vor vier Jahren in der japanischen Atomkraftanlage "Fukushima Dai-ichi" (Fukushima-I) ein mehrfacher Super-GAU, der bis heute anhält.

120.000 Menschen verloren ihre Heimat, kamen aber vorerst mit dem Leben davon. Anders, als nach dem ersten Super-GAU in der Geschichte des Atomzeitalters (Tschernobyl, Ukraine, 26.04.1986) gab es - soweit mir bekannt ist - auch keine direkten Todesfälle bei den Sicherungsmaßnahmen in den Ruinen der Atomreaktorblöcke.

Aber auch in Japan wurden Menschen hohen radioaktiven Dosen ausgesetzt: Japans Opfer der "friedlichen Nutzung der Atomenergie" sterben in aller Stille an den Folgen der Strahlung. Andere leiden dermaßen unter der ausweglosen Situation, der sie sich seit ihrer Flucht vor der Strahlung ausgesetzt sehen, dass sie jede Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage verlieren und Selbstmord begehen. Medienberichten zufolge erhöhte sich die Zahl der Todesopfer seit März letzten Jahres um achtzehn Prozent auf 1232.

Dabei hätte das doch alles gar nicht passieren dürfen. Japans Atomkraftwerke sind doch immun gegen Naturgewalten - selbst gegen die schwersten zu erwartenden Erdbeben. Jedenfalls haben die Menschen in Japan jahrzehntelang daran geglaubt. Die Atomingeneure in anderen Teilen der Welt verneigten sich in Ehrfurcht vor den Meisterleistungen ihrer Kollegen in Japan.

Wenn die Menschen hierzulande und in anderen Ländern gegen erdbebengefährdete Standorte von Atomkraftwerken protestierten, waren ihre weniger kritischen Zeitgenossen damit zufrieden, wenn die verantwortlichen Politiker ihnen versicherten, dass die kritisierten Atommeiler den gleichen strengen Auflagen entsprechen, wie die erdbebensicheren Atomanlagen in Japan ...

Rückblende:
Bis zum April 1986 hatten die Menschen den Politikern überall in der Welt geglaubt, wenn  sie ihnen versicherten, dass die Wahrscheinlichkeit eines atomaren Super-GAUs statistisch gesehen verschwindend gering ist und dass die Atomreaktoren sowjetischer Bauart, die in der DDR und anderen benachbarten Staaten der Sowjetunion in Betrieb waren, ebenso sicher seien, wie die jenigen in westdeutschen Atomkraftwerken.

Nur hatten die Politiker "vergessen" zu erwähnen, dass es auf der ganzen Welt leider keinen Statistiker gibt, der in der Lage wäre, genau den Tag unter all den Tagen "in einer Million Jahren"vorherzusagen, an dem die verschwindend kleine Wahrscheinlichkeit zur bitteren Realität werden würde.

Und dann explodierte der Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks "Tschernobyl" in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine - und mit ihm der Traum von der grenzenlosen Sicherheit vor den Gefahren der Atomkraft.


Das Märchen vom bösen Tsunami

Noch lange nach der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima Dai-ichi hielt sich  das Märchen des Betreibers "TEPCO", die Katastrophe in seiner Atomkraftanlage sei einzig und allein auf den Tsunami zurückzuführen. Das Erdbeben habe damit nichts zu tun gehabt. Später wurde jedoch bekannt, dass das Kühlsystem des Reaktorblocks 1 der Atomkraftanlage bereits infolge des Erdbebens so stark beschädigt worden war, dass es wenige Minuten darauf ausfiel - noch bevor der Tsunami auf die Küste der japanischen Insel Honshū traf. Und zum Thema Erdbebensicherheit nur mal so nebenbei bemerkt: Es war ja wohl das Erdbeben, das den Tsunami ausgelöst hatte.

Da die Wasserzufuhr aufgrund der ausgefallenen Notkühlsysteme zusammengebrochen war, sank der Wasserspiegel im Reaktorkern unaufhaltsam. Als die Brennelemente trocken fielen, begannen sie aufgrund der rapide angestiegenen Temperatur innerhalb des Reaktors zu brennen und bald drauf zu schmelzen. Am Boden des Reaktors bildete sich ein glühender See aus flüssigem Uran, Plutonium und anderen radioaktiven Spaltprodukten.

Unter den außer Kontrolle geraten Bedingungen im Atomreaktor sammelte sich infolge chemischer Reaktionen mit dem verdampfenden Kühlwasser Wasserstoff, der unter hohem Druck durch Undichtigkeiten im Deckel des Reaktors in das Reaktorgebäude entwich. Dort ereignete sich eine Knallgas-Explosion, die das Dach des havarierten Reaaktorblocks wegsprengte.

Erst kurz nach der Überflutung des direkt an der Pazifikküste gelegenen Atomkraftgeländes infolge des Tsunamis fielen auch die Notstromversorgungen in den Reaktorblöcken 2 bis 4 aus. An den folgenden Tagen kam es daraufhin auch in den Reaktorblöcken 2 und 3 zur Kernschmelze und in der Folge zu Wasserstoff-Explosionen.

Der Reaktorblock 4 war zum Zeitpunkt des Erdbebens wegen Revisionsarbeiten außer Betrieb. Alle Brennelemente aus dem Atomreaktor, sowie die "abgebrannten" Brennelemente aus dem Betrieb der zurückliegenden Jahre, lagerten deshalb im ständig gekühlten Wasser des im obersten Stockwerk des Reaktorgebäudes gelegenen Abklingbeckens. Aufgrund des Ausfalls der Kühlung erhitzten die darin lagernden Brennstäbe das Wasser im Abklingbecken des Reaktorblocks 4 so sehr, dass es verdampfte.

Bald ragten auch die dort gelagerten Brennelemente aus dem Wasser. Eine Wasserstoffexplosion brachte kurz darauf auch das Dach über dem Abklingbecken zum Einsturz und beschädigte die Statik im unteren Teil des Gebäudes. Der "Internationalen Atomenergie-Behörde" (IAEA) zufolge ist es den Ingenieuren und Arbeitern inzwischen gelungen die mehr als 1300 abgebrannten Brennstäbe aus dem Abklingbecken zu bergen.

Das berichtete auch "Die Zeit" am 26.02.2015 in einem Artikel auf ihrer Interntseite. Ein Jahr habe Tepco benötigt, um die Brennelemente aus dem Abklingbecken des vierten Blocks in ein zentrales Brennelementebecken umzulagern. Erst im November des letzten Jahres seien die Umlagerungsarbeiten abgeschlossen worden. Bis dahin hätte jedes weitere Erdbeben das Gebäude mit den im Abklingbecken lagernden Brennelementen zum Einsturz bringen können. Die Folge wäre eine weitere Kernschmelze gewesen: Unter freiem Himmel und mit unabsehbaren Folgen.

Nur die Gebäude der ebenfalls für Revisionsarbeiten abgeschalteten Atomreaktoren 5 und 6 blieben von einer Knallgasexplosion verschont. Erhebliche Mengen kontaminierten Wassers in den Kellern der Turbinengebäude dieser beiden Reaktorblöcke deuten jedoch daraufhin, dass es auch dort zu einer - zumindest partiellen - Kernschmelze kam.


Fukushima: In Europa schon vergessen?

Auch wenn die derzeitige atomfreundliche Regierung Japans die Welt immer wieder mit Vertuschungsversuchen, hoffnungsvollen Halbwahrheiten und Lügen zu beruhigen versucht: Unter Kontrolle ist die Situation in Fukushima dai-ich  noch lange nicht. Das einzige, was nach wie vor perfekt funktioniert, ist Japans "Atomdorf". Die japanische Regierung unter Herrn Abe (Premierminister) will Japans Atomkraftwerke wieder in Betrieb nehmen lassen: Gegen den Willen der Mehrheit der Bürger Japans und obwohl die Zahl der Anlagen zur Stronerzeugung aus erneuerbaren Energieen in Japan seit der Verabschiedung des Einspeisegesetzes im Juli 2012 sprunghaft zugenommen hat. Den Großteil des zusätzlichen Stroms liefern kleine Photovoltaik-Anlagen. Die großen Energieversorger verwehren ihnen jedoch den umfassenden Zugang zum Stromnetz - mit Einverständnis der Regierung.

Derweil dauert der Super-GAU auch zu Beginn des Jahres "Fünf" der Atom-Katastrophe weiterhin an. Tag für Tag, rund um die Uhr, pumpt Tepco rund tonnenweise Wasser in die Ruinen, um zu verhindern, dass erneut eine unkontrollierte Kettenreaktion in den geschmolzenen Reaktorkernen einsetzt. In der Hoffnung, die Wassermassen dekontaminieren zu können, werden sie in Tanks gelagert.

Wo genau sich die geschmolzenen Brennstäbe befinden weiß niemand. Die Strahlung und die Temperaturen sind so hoch, dass Menschen auch mit Schutzanzügen nicht bis dorthin vordringen könnten. Vermutlich haben sich die geschmolzenen Brennstäbe der Reaktoren 1 bis 3 aber mit Stahl und Beton zu einer undefinierbaren hoch radioaktiven Masse verbunden. Immer wieder kommt es zu Lecks, durch die hochradioaktives Wasser ins Meer gelangt und die diesbezügliche Informationspolitik TEPCOs lässt nach wie vor zu wünschen übrig.

Nur vier Jahre nach dem mehrfachen Super-GAU in Japan nehmen es aber auch die politischen Handlanger der Atomindustrie in der Europäischen Union schon nicht mehr so genau mit dem Schutz der Bevölkerung vor den Folgen eines - auch in Europa jederzeit möglichen(!) - atomaren Super-GAUs: Auslaufende Betriebsgenehmigungen für veraltete Atomreaktoren sollen verlängert und neue Atomkraftwerke gebaut werden. Die EU-Kommission beabsichtigt dafür offenbar ein Milliardenschweres Subventionprogramm aufzulegen - auch mit deutscher Duldung: Ein Neubau für das britische Atomkraftwerk "Hinkley Point" könnte dafür quasi als "Dammbruchprojekt" dienen.
Fukushima, 11. März 2011: Schon vergessen?


Beschwerden gegen EU-Atomsubventionen

Die Regierung Österreichs und der Ökostrom-Anbieter "Greenpeace-Energie" wollen vor dem Europäischen Gerichtshof dagegen klagen. Die "Elekrizitätswerke Schönau" (EWS) haben bei der EU-Kommission Beschwerde gegen die beabsichtigten Atomsubventionen eingelegt. Auf ihrer Internetseite haben sie ein Online-Formular vorbereitet, mit dessen Hilfe sich jeder EU-Bürger ihrer Beschwerde anschließen kann. Wenn der Druck auf die verantwortlichen Politiker groß genug wird, könnte sich der Neubau des Atomkraftwerks "Hinkley Point C" vielleicht noch verhindern lassen.


Zum Weiterlesen
juwi's welt:
  • 2011: AKW-Fukushima: Drohende Kernschmelze!
  • 2012: Japan, das Atomdorf
  • 2013: Grohnde: Minden nach dem Super-GAU 
  • 2014: Fukushima: Alles unter Kontrolle?




Atomausstieg selber machen


(Quellen: NWZ vom 10.03.2015, Die Welt vom 09.03.2015, N24 vom 09.03.2015, Greenpeace vom 09.03.2015, Heise Telepolis vom 06.03.2015, Süddeutsche Zeitung vom 05.03.2015, Frankfurter Rundschau vom 04.03.2015 - Kommentar, Der Spiegel vom 04.03.2015, Deutsche Wirtschafts Nachrichten vom 01.03.2015, Die Zeit vom 26.02.2015, Der Standard vom 22.02.2015, Klimaretter.de vom 20.02.2015, Elekrizitätswerke Schönau )

1 Kommentar:

Hermann hat gesagt…

Natürlich bin auch ich gegen Atomenergie. Obwohl das nicht viel helfen wird, werden doch ringsum Deutschland herum neue AKW gebaut. Und die Energiewirtschaft mauert gegen erneuerbarer Energie. Aber auch die "ganz normalen Bürger" wollen sich nicht damit abfinden, dass wir Stromtrassen brauchen für den Transport des an der Küste erzeugten Stromes. Und Windräder möchte auch niemand haben, die sind zu laut. Da bauen wir doch lieber wieder neue AKWs, die hört man nicht, sieht man nicht und schmeckt man nicht. Und die Abfallentsorgung - damit sollen sich unsere Nachfahren beschäftigen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

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