Sonntag, 13. März 2016

Fukushima - Fünf Jahre danach (Nachtrag)


Fukushima - Die bleibende Katastrophe (Greenpeace, März 2016)

Am 11. März, dem fünften Jahrestag des Super-GAUs in der japanische Atomkraftanlage "Fukushima-I", hatte ich unter anderem über die Dekontaminationsbemühungen in den verstrahlten Gebieten und die etwa neun Millionen Kubikmeter radioaktiven Mülls geschrieben, der sich derzeit - in schwarzen Plastiksäcken verpackt - an mehr als 113000 Standorten in der Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk stapelt. 

Soweit möglich werde in den kontaminierten Regionen rund um "Fukushima Dai-ichi" fünf Zentimeter der Erdoberfläche abgetragen, in Säcke gefüllt und provisorisch gelagert. Wind und Regen würden jedoch neue radioaktive Partikel aus den umliegenden Bergen und anderen Gegenden Japans auf die gerade abgeräumten Flächen tragen.


Wenn man die die Politiker der japanischen Regierung, Premierminister Shinzō Abe und die Sprecher des Atomonzerns TEPCO zu den Fortschritten der Dekontaminationen hört, dann erweckt es den Anschein, als sei mit "Dekontamination der vertrahlten Gebiete" letztlich tatsächlich sinnbildlich "jeder Quadretmeter" gemeint - und dass die Arbeiten so gut wie abgeschlossen seien: 2017 sollen die Menschen in die "dekontaminierten Gebiete" zurückkehren.

Dass von einer wirklichen "Dekontamination der vertrahlten Gebiete" nicht die Rede sein kann, wird in dem oben eingebetteten Video von Greenpeace klar. Die Aussagen der Regierung entpuppen sich demnach als reine Propaganda, als eine Lüge, mit der die Menschen dazu veranlasst werden sollen, in die nach wie vor verstrahlten Gebiete rund um die Atomruine zurückzukehren. Im Kommentar zum Film heißt es dazu, das Prozedere wirke absurd. Zitat:
"Lediglich im Radius von zwanzig Metern um Privatgrundstücke und entlang der Straßen wird dekontaminiert. Außerdem auf landwirtschaftlichen Flächen."
Herr Smital (Greenpeace, Physiker, Atomexperte) verdeutlicht die Dimensionen allein dieses bestenfalls als "rudimentär" zu bezeichnenden und - da Wind und Regen neue radioaktive Partikel von weiterhin verstrahlten Flächen auf den gerade erst abgetragenen Flächen verteilen - im Endeffekt sinnlosen Bodenabtrags (im Film bei 5 Minuten und 52 Sekunden, Zitat):
"Es entstehen riesige Mengen von Atommüll. Es gibt mehr als 80 000 solcher Mülldeponien von schwarzen Säcken, über 3 Millionen solcher Säcke, und es wird einem dann so klar, dass man die ganze Landschaft, die Berge, die Täler, die Flüsse, einfach nicht mehr wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen wird können."

Inzwischen ist von mehr als neun Millionen Kubikmetern radioaktiven Mülls an mindestens 113 000 Standorten die Rede. Irgendwann werden dann noch die Reste der Atomruine und ihr radioaktives Inventar hinzukommen. Die Regierung und TEPCO haben dafür dreißig bis vierzig Jahre veranschlagt: Offiziell. - Inoffiziell dürften die für die Atomkatastrophe und deren Folgen Verantwortlichen wohl selbst nicht glauben, was sie da von sich geben.
  • Zum Vergleich:
    Der erste Super-GAU der Geschichte jährt sich an 26. April 2016 zum dreißigsten Mal. Im Laufe des kommenden Jahres soll endlich die Schutzhülle für den bisherigen, einsturzgefährdeten Beton-Sarkophag fertiggestellt sein über den zerstörten Reaktorblock 4 der Atomkraftanlage "Tschernobyl" gefahren werden. Die voraussichtliche Lebensdauer der Schutzhülle wird mit 100 Jahren angegeben.
Für das weitere Vorgehen gibt es noch keine konkreten Pläne und niemand kennt bisher eine Lösung für die Bergung der geschmolzenen, hochradioaktiven Reste der Reaktorkerne - weder für "Tschernobyl" noch für "Fukushima". Am Ende eines Filmbeitrags des ARD-Magazins "Weltspiegel" zum 5. Jahrestag der Atomkatastrophe in Japan heißt es (Zitat):
".. Diese Ruine wird hier mindestens noch 30 oder 40 Jahre stehen bis zu ihrem Abriss, manche Experten sagen auch: Bis zu 100 Jahre. 100 Jahre, 100 Millionen Säcke: so eine Prognose. In Tomioka wird nun verbrannt. Doch was geschähe hier beim nächsten Tsunami? Wohin mit der verstrahlten Schlacke? Jede Lösung kreiert neue Fragen. Weil am 11. März 2011 das Restrisiko die Hauptrolle übernahm."

Irgendwann habe ich mir einmal die Frage gestellt, wie ich wohl damit leben würde, wenn ich für den Super-GAU in Japan mitverantwortlich wäre, trotzdem weiter an der Nutzung der Atomkraft zur Stromerzeugung festhalten würde und meine Landsleute deswegen ebenso dreist belügen würde, wie die Verantwortlichen des TEPCO-Konzerns die Politiker der japanischen Regierung es praktizieren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt damit leben könnte. Es würde mich allerdings nicht wundern, wenn die für das Fukushima-Desaster Verantwortlichen jeden Abend seelenruhig zu Bett gehen und friedlich bis zum Morgen durchschlafen würden.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass es ihnen möglich ist, mit Nachdruck daran zu arbeiten, die verbliebenen, seit 2011 abgeschalteten Atomreaktoren in Japan wieder in Betrieb zu nehmen?
  • Trotz der weiterhin bestehenden Gefahr durch Erdbeben und weitere Tsunamis?
  • Trotz der wissentlichen Inkaufnahme weiterer verstrahlter Regionen in Japan?
  • Trotz der Möglichkeit, beim nächsten Super-GAU nicht "nur" Hundertausende, sondern vielleicht Millionen von Menschen evakuieren zu müssen? ...

Und es stellt sich die simple Frage, warum man überhaupt zur Nutzung der Atomkraft zurückkehren will, nachdem man in Japan jetzt fünf Jahre lang ohne Atomkraft ausgekommen ist und Strom sich auch auf andere, sichere und nachhaltige Weise (Wind, Wasser, Photovoltaik) erzeugen lässt.




30 Jahre Tschernobyl, 5 Jahre Fukushima


(Quellen: Weltspiegel vom 06.03.2016, Heise - NEWS vom 04.03.2016, Greenpeace - "Fukushima - Die bleibende Katastrophe", Wikipedia )

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