Samstag, 5. März 2016

Fessenheim - ein fast perfekter Vertuschungsversuch

2010 06 04 Centrale nucléaire de Fessenheim2 (cropped)
Atomkraftanlage "Fessenheim" (04.06.2010)
Foto by Florival fr /Bearbeitung: César [CC BY-SA 3.0 or GFDL] -
via Wikimedia Commons
Am 09.04.2014 um 17 Uhr drang Wasser durch defekte Kabelisolierungen in einige Räume und in sicherheitsrelevante Schaltkästen der französischen Atomkraftanlage "Fessenheim" ein. Das führte zum Ausfall eines der beiden Systeme zur Reaktorschnellabschaltung für den Reaktorblock 1.

Die Steuerstäbe ließen sich nicht mehr bewegen, so dass der Reaktor nicht ordnungsgemäß heruntergefahren werden konnte. Vorangegeangen war ein Wassereinbruch auf mehreren Ebenen. In der Hoffnung, den Reaktor doch noch rechtzeitig herunterfahren zu können, entschied ein sofort eingerichteter Krisenstab des Kraftwerksbetreibers "Électricité de France" (EDF), Bor in das Kühlsystem des Atomreaktors einzuleiten. Das war eine außergewöhnlich Notmaßnahme, ein letzter Versuch, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen, der glücklicherweise erfolgreich war.

Eines der beiden stabilen Bor-Isotopen, ist für Neutroneneinfangreaktionen geeignet. Es findet daher als Bestandteil von Steuerstäben Verwendung mit deren Hilfe in Atomreaktoren die Leistung geregelt wird. Wenn Bor in den ("radioaktiven") Primär Kreislauf des Reaktor-Kühlsystems eingeleitet wird, hat das die gleiche Wirkung, als würden die Steuerstäbe zwischen die Brennstäbe gefahren werden. Bei entsprechend hoher Bor-Dosierung verringert das den thermischen Neutronenfluss auf sieben Prozent des ursprünglichen Wertes. Das führt dann zu einer starken Abkühlung im Reaktorkern.

Aus den Erfahrungen mit glücklicherweise mehr oder weniger glimpflich ausgegangenen schweren Störfällen in Atomkraftwerken (GAU), wie im Atomkraftwerk "Lucens" (Schweiz, Januar 1969) oder in der Atomkraftanlage "Three Mile Island"  (USA, Harrisburg, März 1979), sowie mit den Super-GAUs in den Atomkraftanlage "Tschernobyl" (Ukraine, April 1986) und "Fukushima-I" (Japan, März 2011) ist bekannt, dass es in deratigen Situationen um Minuten und Sekunden geht, die darüber entscheiden, ob es dem Kraftwerkspersonal gelingt, innerhalb kürzester Zeit "die richtige" Maßnahme zu ergreifen. Genau so sehe ich den Versuch des Krisenstabs der Atomkraftanlage "Fessenheim", der uns in Westeuropa vor knapp zwei Jahren mehr oder weniger zufällig davor bewahrt hat, zu Opfern des weltweit dritten Super-GAUs innerhalb weniger Jahre zu werden.
  • Manchmal reicht die Zeit, die dem Kraftwerkspersonal bleibt, aber auch gerade noch für eine überstürzte Flucht: Wäre der schweizerische Atomreaktor nicht im inneren eines Berges gebaut worden, hätten sich die Folgen der partiellen Kernschmelze im Jahre 1969 nicht auf die Anlage beschränken lassen.

Über die Bor Einleitung in die Primärkühlung, mit der es gelang, den Reaktorblock 1 der Atomkraftanlage "Fessenheim" doch noch rechtzeitig "herunterzufahren", sagt Herr Mertins (Sachverständiger für Reaktorsicherheit, ehemaliger Mitarbeiter der Gesellschaft für Reaktor- und Anlagensicherheit, GRS), Zitat:
"Mir ist kein Fall bekannt, wo ein Leistungsreaktor hier in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste. Das Ereignis zeigt, dass die betriebliche Abschaltung nicht mehr möglich war, sodass andere Mittel in Angriff genommen werden mussten."
 Das sei "ein in Westeuropa einmaliger Vorgang"
... - soweit bisher bekannt, sollte man vielleicht ergänzen.

Ein fast perfekter Vertuschungsversuch

Dass die Öffentlichkeit bis jetzt nichts über die Brisanz der Beinahe-Katastrophe erfahren hat, ist nämlich einem fast perfekten Vertuschungsversuch "zu verdanken". Der Betreiber EDF hatte das Ereignis damals als harmlos dargestellt. Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" und des "WDR" förderten andere Indizien und Fakten zu Tage. Demnach spielte die französische Atomaufsicht ASN den Vorfall im April 2014 gegenüber der Internationalen Atomenergiebehörde herunter. In der "Badischen Zeitung" vom 05.03.2016 heißt es, Herr Kraft (damals Chef der ASN in Straßburg) habe auf Nachfrage geantwortet, der Reaktor sei gemäß des Betriebshandbuchs heruntergefahren worden. Der Vorfall wurde daher auf der internationalen, siebenstufigen INES-Skala für "nukleare Ereignisse", lediglich der Stufe 1 zugeordnet.

Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt am 04.03.2016 auf ihrer Internetseite, der Ablauf mache trotzdem nachdenklich ... (Zitat):
"... - wenn man die Details betrachtet - die freilich nicht annähernd aus der knappen Mitteilung der Atomaufsicht hervorgingen, von einer Bor-Notabschaltung war darin nicht die Rede. .."
Der anfangs "kleine Störfall" habe sich innerhalb kürzester Zeit zu einer Abfolge von technischem Versagen und Chaos entwickelt, wie es sie so "in der Region selten gegeben" habe. Man könne das in einem Brief mit Fragen und Aufforderungen zu dem Vorfall nachlesen, den die französische Atomaufsicht ASN am 24. April 2014 an den damaligen Chef des Kraftwerks geschickt habe.

Den Recherchen der Zeitung zufolge begann alles damit, dass Angestellte Pfützen im Zugang zum Kontrollraum für den Reaktor 1 entdeckten. Ein Abfluss sei verstopft gewesen. Nachdem nachgefülltes Kühlwasser überlief, habe man festgestellt, dass auch Wasser in die drei tieferen Gänge gelaufen war. Dort seien durch das Wasser Schaltschränke in Mitleidenschaft gezogen worden, in denen Sicherheitselektronik installiert war: Alarm wurde ausgelöst.

Zunächst habe man versucht, die Steuerstäbe des Reaktors 1 zwischen die Brennstäbe zu fahren, um die Kernreaktion im Reaktorkern zu verlangsamen und so die Leistung zu verringern. Die Steuerstäbe hätten sich jedoch nicht bewegen lassen - es blieb beim Versuch.

Zeitgleich sei festgestellt worden, dass das Wasser in den Schaltschränken zum Ausfall eines der beiden parallelen Sicherheitssysteme geführt habe. Schließlich habe nur noch die bereits erwähnte Möglichkeit zur Auswahl gestanden, den Atomreaktor mit Bor notzukühlen.

Aber nicht einmal die Bor-Notabschaltung hatte das Kraftwerkspersonal unter Kontrolle. Das geht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge ebenfalls aus dem Brief der ASN vom 24.01.2014 hervor.
Demnach kühlte das Wasser im inneren Kühlkreislauf stärker ab, als eigentlich vorgesehen war. Dass die Temperatur so aus dem Ruder gelaufen sei, deute laut Herrn Mertins darauf hin, dass man im Kraftwerk minutenlang keine Informationen über den Zustand des Reaktorkerns hatte. Das erinnert in erschreckender Weise an die Situation im Kontrollraum der Atomkraftanlage Fukushima-I, nachdem dort der Strom infolge des Tsunamis ausgefallen war.

Die EDF erklärt den Temperaturabfall damit, dass der Reaktor noch mit dem Stromnetz verbunden war. Die "Süddeutsche Zeitung" kommentiert das mit den Worten (Zitat):
"Das macht es jedoch wenig besser, denn eigentlich sollte der Reaktor in so einem Fall vom Netz getrennt werden, aber auch das ist offenbar nicht passiert."

Eigentlich hatte Herr Hollande (Frankreich, Präsident) im Wahlkampf verspochen, die von Atomkraftgegner seit langem als "maroder Schrottmeiler" bezeichnete Atomanlage "Fessenheim" stillzulegen. Kurz nachdem er die Wahl im Mai 2012 gewonnen hatte, wurden die Hoffnungen auf eine zügige Stillegung aber schon wieder gedämpft: Die Atomkraftanlage solle im Jahre 2016 stillgelegt werden, hieß es damals. Inzwischen muss er das aber wohl vergessen haben: Neuerdings ist von 2018 die Rede ...

Die "Süddeutsche Zeitung" zitiert dazu Herrn Hatz (Frankreich, Bündnis "Stop Fessenheim", Sprecher) mit den Worten (Zitat): "Fragt sich nur, ob uns Fessenheim nicht vorher um die Ohren fliegt."

Bis auf die erneute Bestätigung der Erkenntis, dass man den Aussagen der Atomkonzerne, ihren politischen Handlangern und - zumindest soweit es Frankreich betrifft - nicht einmal mehr der Atomaufsicht trauen kann, habe ich dem nichts weiter hinzuzufügen. Die Amtszeit Herrn Hollandes geht bereits 2017 zu Ende. Das war's dann wohl mit seinem Versprechen. Aber - das muss man ihm wohl zugestehen - versprechen kann man sich ja schon mal.

Solange die Verantwortlichen in den Atomkonzernen, in der Politik und den ihnen unterstellten Behörden dermaßen unverantwortlich mit der ohnehin nicht zu verantwortenden "friedlichen Nutzung der Atomkraft" umgehen, müssen wir auch in Europa jederzeit damit rechnen, zu Opfern des nächsten Super-GAUs zu werden.


"Fukushima" mahnt: Atomkraft abschalten - Demonstration in Bremen (02.04.2011)
Welche Folgen das für uns hätte, ist seit den beiden Super-GAUs in den Atomkraftanlagen "Tschernobyl" und "Fukushima" allgemein bekannt.

Die Atomkraftwerke in Europa und weltweit müssen deshalb schnellstmöglich stillgelegt, zurückgebaut und durch regenerative Energiequellen ersetzt werden! Neubau Pläne gehören in die Altpapier-Tonne!


  • "Es ist unzumutbar, was hier von der französischen Atomaufsicht verschwiegen werden sollte. Wir wollen endlich Klarheit, was vor knapp zwei Jahren genau in Fessenheim passiert ist. Es kann nicht sein, dass wir als betroffene Nachbarn aus den Medien erfahren müssen, was jenseits des Rheins geschieht."

    Dieter Salomon
    (Die Grünen, Freiburg, Oberbürgermeister)


(Quellen: Badische Zeitung vom 05.03.2016, Süddeutsche Zeitung vom 04.03.2016 und vom 14.09.2012, Tagesschau vom 04.03.2016 und vom 30.03.1979, Die Zeit vom 04.03.2016, Spektrum der Wissenschaft vom 04.03.2016, Neue Züricher Zeitung vom 06.01.2014, Wikipedia )

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