Samstag, 5. Dezember 2015

Wieviel CO2 passt noch rein in die Atmosphäre?

Die Weite der Wattenlandschaft im Gegenlicht: Kurz vor der Mündung der Weser
in die Nordsee scheinen die Schiffe über den Schlick zu gleiten.
Sozusagen vor meiner Haustür, an der deutschen Nordseeküste, liegt eine einzigartige Naturlandschaft, wie es sie auf der ganzen Welt kein zweites Mal gibt: Der "Nationalpark Wattenmeer". Im Sommer 2009 wurde das Wattenmeer vor den Küsten der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks und damit auch der Nationalpark in die UNESCO-Liste "Welterbe der Menschheit" aufgenommen.

Kurz vor dem Beginn der Internationalen Klimaschutzkonferenz der Vereinten Nationen im Dezember 2009 in Kopenhagen (COP15) hatte ich darüber geschrieben. Bereits damals war klar: Das "Welterbe Wattenmeer" ist lediglich ein "Welterbe auf Zeit". Aufgrund des von den Menschen verursachten Klimawandels und der damit einhergehenden globalen Erwärmung schmilzt das vermeintlich "ewige Eis" in den Polarregionen unserer Erde. Infolge des dadurch immer schneller ansteigenden Meeresspiegels wird das "Welterbe Wattenmeer" irgendwann bei Ebbe nicht mehr aus den Fluten der Nordsee auftauchen.


Die Grenzen zwischen Land und Meer verlaufen hier fließend (Watt und Salzwiesen)
Die Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels mussten inzwischen nach oben korrigiert werden. Im 20. Jahrhundert ging man bis 1990 davon aus, dass der Meeresspiegel um 1,2 Millimeter pro Jahr steigt. Seit 1993 weiß man dass der Anstieg bei durchschnittlich 3,2 mm pro Jahr liegt. Im Fünften Sachstandsbericht des IPCC wird der durchschnittliche globale Meeresspiegelanstieg für den Zeitraum von 1901 bis 2010 mit "19 ± 2 cm" angegeben. Bei 3,2 mm pro Jahr ist bis zum Ende dieses Jahrhunderts mit weiteren 30 Zentimetern zu rechnen.

In dieser simplen Rechnung enthalten sind natürlich nur die bis heute vorhandenen Ursachen. Die Prognosen der Klimaforscher berücksichtigen darüberhinaus auch weitere zu erwartende Einflüsse aufgrund der fortgesetzten Emissionen klimarelevanter Gase. Einige Forschungsergebnisse deuten daher auf einen Meeresspiegelanstieg von 0,5 bis 1,4 Meter hin ("Advancing the Science of Climate Change" - America’s Climate Choices: Panel on Advancing the Science of Climate Change, published by "THE NATIONAL ACADEMIES PRESS" Washington, D.C. [www.nap.edu], Seite 244, FIGURE 7.6).


Was auf den ersten Blick wie eine öde Schlickwüste erscheint steckt voller Leben:
Spaziergang auf dem Meeresgrund zwischen Muscheln, Krabben und Wattwürmern.
Wenn die Klimaforscher mit ihren Prognosen Recht behalten sollten, dann werden die Urenkel meiner Generation das Wattenmeer nur noch aus alten Geschichten kennen. Für sie wird es dann wie ein "zweites Atlantis" sein, das unterging, weil die Menschen in den Industriestaaten nicht vernünftig genug waren, auf die Verbrennung fossiler "Energiequellen" zu verzichten, anstatt bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den zügigen Umbau der Energieversorgung - weg von Kohle, Erdöl und Erdgas, hin zu 100 Prozent regenerativen Energiequellen - einzuleiten. Mit ihren eigenen Augen werden sie das Wattenmeer nicht mehr sehen können.

Weit draußen vor der Küste liegen verstreut im holsteinischen Wattenmeer kleine bewohnte Inseln, die Halligen. Ihre Bewohner haben ihre Häuser zum Schutz vor Sturmfluten auf künstlichen Hügeln, den Wurten, errichtet. Auf den umliegenden Wiesen im Marschland der Halligen, weiden ihre Rinder. Wenn das Land infolge des ansteigenden Meeresspiegels anfangs immer häufiger und später ganz - und nicht mehr nur bei Sturmfluten - überflutet wird, dann werden die Menschen auf den Halligen ihre Existenzgrundlage und ihre Heimat verlieren.


Sturmflut am 07.12.2013: Parkplätze am Ufer der Mündung der Geeste in die Weser
(Bremerhaven, Überflutung im Bereich vor dem Tidesperrwerk und dem Deich)
Die nächsten, die dann mit dem Verlust ihrer Heimat rechnen müssen, werden die Menschen sein, die in den tiefer gelegenen Küstenbereichen wohnen. Das Land hinter den Deichen an der Nordseeküste erhebt sich schon heute nur knapp über den Meeresspiegel. Ohne die ständige Anpassung der Deichhöhe an den steigenden Meeresspiegel hätten die Sturmfluten es bereits unbewohnbar gemacht. Städte, wie Wilhelmshaven, Husum, Cuxhaven, oder meine Heimatstadt Bremerhaven, würde es dann nicht geben.

Aber auch die Deiche werden einem Anstieg des Meeresspiegels um ein bis zwei Meter auf Dauer nicht mehr standhalten können. Sie bieten Schutz vor Sturmfluten, wenn der Pegel nach zwei bis drei Tiden wieder auf Normalnull sinkt. Würde das Wasser länger am Deichfuß stehen, dann würde es in den Deich einsickern, ihn von unten her aufweichen und wegspülen.


Exodus - Wo die Welt gerade untergeht ...

Einem ähnlichen Schicksal sehen sich viele Bewohner der flachen Atolle in den Inselstaaten des Pazifiks bereits heute ausgesetzt. Ihre Heimat verkraftet keinen Anstieg der golbale mittleren Temperatur auf zwei Grad Celsius über dem vorindustriellen Wert. Sie erleben, wie ihr Land zusehends kleiner und immer kleiner wird. Das und die Folgen für die Menschen schildert eindrucksvoll der multimediale Beitrag "Exodus - Wo die Welt gerade untergeht" der "Süddeutschen Zeitung" am Beispiel der Marshall-Inseln (hier ... - bitte nicht darüber wundern, dass immer nur die gleiche Filmschleife abläuft: Beim Herunterscrollen wird der Rest sichtbar).

Selbst wenn es gelänge, die globale Erwärmung unterhalb der "maximal plus 2 Grad"-Grenze zu stabilisieren, würde noch so viel Eis schmelzen, dass ihre Heimat im wahrsten Sinne des Wortes "untergehen" würde. Im dritten Kapitel mit dem Titel "Für immer verloren" gibt es eine Karte des dicht bebauten Majuro Atolls, auf dem sich die Hauptstadt der Marschall-Inseln befindet. Die rot markierten Flächen repräsentieren den Landverlust, wenn der Meeresspiegel um nur 63 cm steigen würde. Wenn man sich bewusst macht, was dann noch von der Insel übrig bleibt, kann es einem schon die Tränen in die Augen treiben ...

Die Regierungen einiger Länder, in denen die Auswirkungen des Klimawandels bereits jetzt schmerzhaft zu spüren sind, fordern deshalb dass die Menschheit sich anstelle an der bisher propagierten 2-Grad-Grenze an eine 1,5-Grad-Grenze orientiert. Ich denke, das ist eine vernünftige Forderung, denn auch alle anderen Länder wären damit auf der sichereren Seite:
  • Es gibt noch viel zu viele unkalkulierbare Risiken, die irgendwo auf der Erde einen Kipppunkt auslösen könnten, so dass der Klimawandel schneller voranschreiten würde, als die Prognosen bisher vermuten lassen.

Die 2-Grad Grenze "voll auszureizen" - frei nach dem Motto: "So viel CO2 passt noch rein in die Atmosphäre" - wäre ein fahrlässiges Spiel mit dem Feuer. Nicht zuletzt auch deshalb unterstütze ich die Forderung der Regierungen der Länder, die sich bezüglich der notwendigen Maßnahmen gegen den Anstieg der globalen mittleren Temperatur an der "maximal plus 1,5 Grad"-Grenze orientieren wollen.

Ich denke, die Frage aus dem Titel stellt sich inzwischen nicht mehr. Die Antwort lautet: "Nichts!" Die Zeit für den Ausstieg aus der Verbrennung fossiler "Energieträger" und den Einstieg ins Zeitalter der regenerativen Energien drängt. Je länger die Menschheit damit noch wartet, desto teurer wird uns die Profitgier der fossilen Industrie und die Trägheit der Entscheidungsträger stehen kommen.


Zum Weiterlesen:


(Quellen: Nationalpark Wattenmeer, Welterbe der Menschheit "Wattenmeer", Wikipedia, Advancing the Science of Climate Change )

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