Mittwoch, 13. Februar 2013

Willkommen in der Zukunft

BAB-Zubringer Cherbourger Straße in Höhe des Eichenwegs
Die Cherbourger Straße in Bremerhaven ist die Hauptanbindung der bremischen Häfen im Norden der Stadt an die A27. Seit mehr als 20 Jahren heißt es, der Cherbourger Straße drohe in naher Zukunft der Verkehrsinfarkt.

Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts führten Gespräche zwischen den Städten Bremerhaven und Langen über eine gemeinsame Hafenanbindung im Norden der beiden Städte zu keinem Ergebnis. Seitdem herrscht hier mehr oder weniger Funkstille. In Bremerhaven fürchtete man sich damals vor der Konkurrenz durch die mögliche Erschließung Langener Gewerbegebiete im Verlauf einer möglichen Nordumgehung.

Ebenfalls Mitte der 1990er Jahre verkaufte die Stadt - unter Auflagen der unteren Naturschutzbehörde - ein am Eichenweg gelegenes 2300 Quadratmeter großes Grundstück mit geschütztem Baumbestand. Der Eichenweg verläuft im Norden des Wohngebietes "Schierholz" parallel zur Cherbourger Straße. 1999 begannen die neuen Eigentümer des ehemals städtischen Grundstücks am Eichenweg neben einem Wäldchen mit der Errichtung einiger "Stadtvillen".


Der Eichenweg zwischen der Cherbourger Straße und dem Lotjeweg
Im Jahr darauf wurde den Bremerhavenern der Plan für einen "offenen Tunnelbau" im Verlauf des Eichenwegs präsentiert. Die Baugrube würde von der Cherbourger Straße im Abschnitt des BAB-Zubringers mitten durch das bewaldete Grundstück, direkt an den damals gerade fertiggestellten Stadtvillen vorbei, durch bewohnte Privatgrundstücke, ein Kleingartengelände und die Claus-Groth-Straße bis hin zur Cherbourger Straße im Abschnitt zwischen der Langener Landstraße und der Wurster Straße verlaufen.

Von dort würde die Baugrube auf der Cherbourger Straße entlang die Wurster Straße queren und am geplanten Tunnelausgang westlich der Wurster Straße enden. Vorher wäre ebenfalls die Querung der Bahnstrecke Bremen-Cuxhaven und der Langener Landstraße notwendig. - Fünf Jahre später drohte aufgrund der rasanten Zuwächse beim Container- und Autoumschlag weiterhin der zu Beginn der 1990er Jahre für die nahe Zukunft vorhergesagte Kollaps der Cherbourger Straße ...


November 2005

Eichenweg: Blick durch das Wäldchen zum Lotjeweg
Die folgende Information habe ich in einem Artikel im Blog eines freien Journalisten aus Bremerhaven gefunden. Detlef Kolze beschäftigt sich in seiner "Seestadtpresse Bremerhaven" bereits seit längerer Zeit immer wieder auch mit den Thema "Hafentunnel". Am 18.10.2012 schrieb er, unter einem Foto im Sonntagsjournal der Nordsee-Zeitung vom 06.11.2005 habe man folgendes lesen können (Zitat):
Schon jetzt rollen täglich 17000 Fahrzeuge durch die Cherbourger Straße. Fast 4000 davon sind Lastkraftwagen. Tendenz: Stark steigend.

Januar 2006

Eichenweg, Kreuzung Lotjeweg: Wäldchen mit Stadtvillen
Herrn Kolze zufolge schrieb die Industrie- und Handelskammer Bremerhaven in einer Mitteilung vom 25.01.2006, die Lkw-Verkehre würden weiter deutlich zunehmen: (Zitat): "Schon heute ist die Cherbourger Straße ein problematischer Engpass." - Eigentlich ging es aus Sicht der Lkw-Fahrer aber schon damals wohl eher um die Schaltung der vier Ampeln im Verlauf der Cherbourger Straße von der Einmündung der Hans-Böckler-Straße bis zur Wurster Straße, die einen reibungslosen Verkehrsfluss zwischen der Autobahnabfahrt und der Umgehungsstraße Speckenbüttel verhinderten.

Am 26.01.2006 schrieb der Unternehmerverein Bremerhaven-Wesermünde e.V. in einer Pressemitteilung, er habe sich mit dem 'letz­ten noch ver­blie­be­nem Argu­ment der Stadt gegen eine Nord­um­ge­hung' beschäf­tigt. Demnach würden die Lkw-Fah­rer eine solche Umge­hung aufgrund des damit verbundenen Umwegs nicht annehmen. Um herauszufinden, wie die Lkw-Fahrer tatsächlich darüber denken, hatte der Unternehmerverein sie in der Zeit vom 16.01. bis zum 23.01.2006 persönlich danach gefragt. Das Ergebnis seiner Umfrage stellte er in seiner Pressemitteilung wie folgt dar (Zitat):
.. Alle Fah­rer ( 100%) ver­fluch­ten die jet­zige Anbin­dung. Stän­di­ges Anhal­ten und Anfah­ren, Stau und unnö­ti­ger Stress für die Fahrer. Über die Frage, ob ihnen eine kreu­zungs– und ampel­freie Umge­hung mit 7 km Pro­bleme machen würde, herrschte eben­falls eine ein­hel­lige Mei­nung. Die Fah­rer erzähl­ten, dass sie um "In Time" zu sein, selbst rie­sige Umwege fah­ren, um Staus zu umge­hen. 7 km "Umweg" ver­dient ihrer Mei­nung nach den Namen nicht. ..

Juli 2007

Lotjeweg: Protest der betroffenen Einwohner
In einer gemeinsamen Pressemitteilung vom 12.07.2007 begründeten die Hafenbetriebe BLG, Eurogate, NTB und MSCGate ihre Forderung nach der Umsetzung des geplanten Hafentunnel-Projekts mit einem infolge anhaltender zweistelliger Wachstumsraten beim Container- und Auto-Umschlag entsprechend zunehmenden Lkw-Verkehr, der sich in weniger als 10 Jahren verdoppeln werde. Die angekündigte Verdopplung des Lkw-Verkehrs würde sich demnach etwa ab 2015 bis 2016, aus heutiger Sicht also in zwei bis drei Jahren bemerkbar machen.

Am 30.07.2007 präsentierte die "Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung mbH" (BIS) die Daten einer Verkehrszählung mit Stand 2006, mit der die Notwendigkeit für den Bau des Hafentunnels belegt werden sollte. Die statistische Auswertung der Zählungen kam zu dem Ergebnis, dass auf der Hafenanbindung Cherbourger Straße, im Bereich zwischen der A27 und der Langener Landstraße, täglich 3900 Lkw unterwegs sind (Folie 9). Derweil ließ der Anfang der 1990er Jahre für die nahe Zukunft vorhergesagte Verkehrszusammenbruch im Verlauf der Cherbourger Straße trotz der verkehrsbehindernden Ampelschaltung weiterhin auf sich warten ...


Mai 2012

Willkommen in der Zukunft

Der Eichenweg zwischen Lotjeweg und Langmirjen: Vollendete Tatsachen ...
Als die Nordsee-Zeitung in ihrer Ausgabe vom 13.10.2012 über "verlässliche Werte zum Lkw-Aufkommen" auf der Cherbourger Straße berichtete, waren seit der Präsentation der BIS fünf Jahre vergangen. Aufgrund des damals gezogenen Fazits "Wesentliche Verkehrszuwächse bis 2012", denen zufolge "dringender Handlungsbedarf" bestünde (Folie 18), hätte man Ende 2012 vielleicht mit schätzungsweise 6500 bis 7500 Lkw pro Tag gerechnet.

Im Bericht der Nordsee-Zeitung hieß es jedoch, die neuen Daten zum Lkw-Verkehr würden belegen, dass der Schwerlast-Verkehr seit 2007 kaum zugelegt hat. Laut Statistik seien an Werktagen im Mai 2012 bis zu 2200 Lkw über die Cherbourger Straße in Hafen-Richtung gerollt. - Nun ja, wenn man es denn so sehen möchte ...

Wir erinnern uns an die Daten der Verkehrszählung aus dem Jahre 2006:
Damals waren 1700 Lkw pro Tag mehr gezählt worden.

Die Beurteilung der Situation bezüglich des Lkw-Verkehrs auf der Cherbourger Straße im Mai 2012, der zufolge der "Schwerlast-Verkehr seit 2007 kaum zugelegt hat" ist also - höflich formuliert - schlicht irreführend. Wie man anhand der beiden Zahlen aus den Jahren 2006 und 2012 deutlich erkennt ist es ja nun wirklich nicht so, dass man sagen könnte, der Verkehr habe "kaum zugelegt". Das Gegenteil ist der Fall. Richtig muss es deshalb heißen: "Der Schwerlast-Verkehr hat seit 2006 um 43,6 Prozent abgenommen."

Eine Erklärung für die Bestätigung der in der Vergangenheit prognostizierten Verdoppelung des Lkw-Verkehrs auf der Cherbourger Straße findet sich weiter unten im Text der Nordsee-Zeitung (Zitat):
 .. Von dem vom Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) prognostizierten Wachstum des Containerumschlags um mindestens 50 Prozent bis 2025 profitiert bisher vor allem der Schienenverkehr. ..

Januar 2013

Sofortiger Vollzug

... - hier wohnten einmal Menschen (Eichenweg, Ecke Langmirjen)
Mit dem Abriss mehrerer Wohnhäuser und eines Kleingartengeländes im Verlauf des Eichenwegs, die dem geplanten Bau des Hafentunnels in offener Bauweise im Weg standen, hatte die Stadt im letzten Jahr schon jede Menge vollendete Tatsachen geschaffen, bevor es überhaupt einen Planfeststellungsbeschluss für das Projekt gab. Bis dahin konnten die von den Auswirkungen des geplanten Tunnelbaus betroffenen Bürger nur ohnmächtig abwarten. Als der Planfeststellungsbeschluss dann vorlag, mussten sie feststellen, dass darin ein Passus enthalten ist, der den sofortigen Vollzug ermöglicht.

Die Nordsee-Zeitung zitierte dazu Herrn Holm (CDU, Baudezernent) in ihrer Ausgabe vom 12.01.2013 mit den Worten (Zitat):
.. "Wir haben konkrete Zeitfenster einzuhalten. Wenn wir nicht vor Ende Februar roden, verlieren wir ein halbes Jahr." Der Durchstich des Tunnels unter dem Bahndamm sei für 2014 verabredet. Wenn der Termin nicht gehalten werden kann, käme man sogar zwei Jahre in Verzug. Mit dieser Argumentation habe man auch erreicht, dass der Planfeststellungsbeschluss - die Grundlage für den Tunnelbau - "sofortigen Vollzug" gestattet. "Sonst hätte jede Klage automatisch aufschiebende Wirkung." Wer den Tunnel ernsthaft wolle, müsse den eingeräumten Handlungsspielraum auch nutzen. "Ich habe keine Scheu, die Karten so zu spielen, dass ich auch dahin komme, wohin ich will." ..

Die Zeitung schreibt weiter Herr Eversberg (Grüne, Sprecher) halte solche Aussagen für gefährlich (Zitat):
.. "Wir können mit solch einem Projekt nicht ins offene Messer laufen." Er persönlich sehe ohnehin keinen besonderen Druck für den Tunnelbau. Der Verkehr auf der Cherbourger Straße habe sich keineswegs so entwickelt, wie in den Prognosen vorhergesagt. "Seit 2006 haben wir auf der Cherbourger Straße nahezu unveränderte Zahlen. Dafür ist der Hafenverkehr auf der Schiene deutlich gewachsen." Voraussetzung für den Bau des Tunnels sei natürlich, dass die Zahlen der Verkehrszählung das auch rechtfertigen. Das würden wohl auch die Gerichte so sehen, wenn es zu Klagen kommt. ..

Es ist erfreulich zu sehen, dass es auch noch in der Regierungs-Verantwortung stehende Politiker gibt, die nicht unbedingt glauben, bei jeder Gelegenheit "mit dem Kopf durch die Wand rennen" zu müssen. Der größere Koalitionspartner der Grünen in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung die SPD ist über derartige Einsichten allerdings nicht sehr erfreut. Herr Allers (SPD, Fraktionsvorsitzender) beispielsweise reagiere gereizt auf solche Aussagen (Zitat):
"Wir haben in der Koalitionsvereinbarung klare Absprachen getroffen. Wenn die Grünen sich vom Tunnel verabschieden wollen, dann sollen die das klipp und klar sagen. Dieses Rumgeeiere ist für mich nicht nachvollziehbar."

Der Eichenweg westlich von Langmirjen, links die abgeräumten Kleingärten
Von den geplanten Rodungsarbeiten ist neben einem Wäldchen an der Kreuzung Eichenweg/Lotjeweg unter anderem auch ein Teil eines Wäldchens an der Cherbourger Straße betroffen, dass den Erdarbeiten für den Bau des Tunneleingangs im Weg steht. Die Nordsee-Zeitung erwähnt in ihrem Bericht, dass dort nach den Plänen des Umweltschutzamtes später aber ohnehin alles abgeholzt werden soll. An dieser Stelle solle anschließend ein "ökologisch wertvolles Hochmoor" geschaffen werden.
  • Über das "ökologisch wertvolle Hochmoor" hätten sich die Damen und Herren Politiker besser mal vor Jahrzehnten schon Gedanken gemacht: Mit der Fertigstellung der A27 zwischen Bremen und Cuxhaven, sowie des BAB-Zubringers Cherbourger Straße war es damit nämlich vorbei und Rehe, Kaninchen und Fasane fielen innerhalb relativ kurzer Zeit dem Verkehr zum Opfer.

    Geblieben sind von dem ehemals zusammenhängenden Moorgebiet im Grenzgebiet zwischen Leherheide, dem Schierholzgebiet und Spaden heute nur noch einige klägliche Reste, die vielleicht gerade noch ahnen lassen, wie es dort in den sechziger bis in die Mitte der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch ausgesehen hat. Ich weiß, wovon ich spreche: Ich habe dort im Moor einen großen Teil meiner Kindheit verbracht und später hautnah miterleben müssen, wie dort alles plattgemacht wurde!

    Der sogenannte "Abenteuerspielplatz", dem später auch noch die Reste der "Moorwildnis" zwischen der Kurt-Schumacher-Straße und der Cherbourger Straße weichen mussten, mag ja für die heutigen Stadtkinder aus Leherheide-West ganz nett sein. Die Kinder, die heute in Leherheide aufwachsen, werden jedoch nie das "Gefühl von Freiheit und Abenteuer" erleben, das wir Kinder damals bei unseren Spielen und Streifzügen im Moor noch kennengelernt haben.


Die Tunnelgegner reichen Klage ein

Dudweiler Straße: Im Hintergrund kreuzt die Bahnstrecke Bremen-Cuxhaven
Am 28.01.2013 haben vier vom Bau des geplanten Hafentunnels betroffene Bürger vor dem Verwaltungsgericht Klage eingereicht. Zunächst ging es ihnen darum, den Passus im Planfeststellungsbeschluss zu kippen, der den sofortigen Vollzug der Baumaßnahmen erlaubt. Das berichtete die Nordsee-Zeitung am 29.01.2013. Den Klägern zufolge seien Varianten zum Bau eines Tunnels in offener Bauweise im Verlauf des Eichenwegs künstlich teuer gerechnet worden. Alternativen, wie etwa eine oberirdische Nordumgehung über niedersächsisches Gebiet seien nicht sorgfältig genug geprüft worden. Darüberhinaus beruhe die Wirtschaftlichkeitsberechnung auf Annahmen, die sich inzwischen als falsch erwiesen hätten.

Ähnlich sieht das auch der "Unternehmerverein Bremerhaven-Wesermünde e.V." der ebenfalls gegen den Hafentunnel klagt. Auf seiner Internetseite rechnet er vor, warum die Wirt­schaft­lich­keit des Projekts bereits seit 2010 nicht mehr gegeben ist (Zitat):
.. Der Geneh­mi­gung lag ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,08 zugrunde, basie­rend auf Pro­jekt­kos­ten in Höhe von rund 160 Mio. €. Eine Über­prü­fung in 2010 ergab eine Kos­ten­stei­ge­rung auf ca. 171 Mio. € (bei Bau­be­ginn 2012), was dazu führt, dass das Nutzen-Kosten-Verhältnis auf 0,907 sinkt. „Mit die­sem Wert ist die Wirt­schaft­lich­keit des Pro­jek­tes nicht mehr gege­ben ..

Bahnstrecke: Fußgängerunterführung zur Langener Landstraße
Auch die Grünen fragen sich inzwischen, ob die aktuellen Verkehrszahlen den Bau des Tunnels überhaupt noch rechtfertigen. Gleichwohl fühlen sie sich nach wie vor an die mit der SPD getroffene Vereinbarung zum Bau des Tunnels gebunden - ein Spagat, den viele Bremerhavener Bürger nicht nachvollziehen können.

Die Alternative wäre jedoch gewesen, dass die rot-grüne Koalition nicht zustande gekommen wäre und Bremerhaven vier weitere Jahre von der Großen Koalition aus CDU und SPD regiert worden wäre. Mit bösen Überraschungen à la "Obi auf dem Wilhelm-Kaisen-Platz" oder "Kaufland auf dem Phillipsfield" wäre dann immer wieder zu rechnen gewesen und der Hafentunnel wäre aus Sicht der SPD mit einem schwarzen Koalitionspartner mit Sicherheit reibungsloser zu realisieren gewesen.


Langener Landstraße: Abgeräumtes Grundstück, Blick zur Claus-Groth-Straße
Weil offene Fragen noch nicht zufriedenstellend beantwortet seien, hatten die Grünen den vorgesehenen Tagesordnungspunkt "4.1 Planungsvorschlag zur 11. Flächennutzungsplan-Änderung 'Hafentunnel' ... " (Vorlage VI 97/2012 - 1) für die Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am 22.01.2013 aussetzen lassen.

In der ausgesetzten Änderung des Flächennutzungsplans tauche nur noch die Kreuzung Cherbourger Straße / Langener Landstraße als problematische Kreuzung auf, nicht aber die Kreuzung Wurster Straße / Cherbourger Straße. Die Grünen wollen von Herrn Holm zunächst wissen, ob dies der Planfeststellungsbehörde bekannt gewesen ist, ob der Planfeststellungsbeschluss überhaupt noch "gerichtsfest" ist, ob die Glaubwürdigkeit der Verkehrsprognose das Projekt insgesamt erschüttert und ob die Wirtschaftlichkeit des gesamten Projekts in Anbetracht dieser Sachlage noch gegeben ist.

Nach Meinung Herrn Holms ist der Tunnel nicht aufgrund des heutigen Verkehrsaufkommens erforderlich, sondern aufgrund der Prognose, der zufolge der Hafenumschlag bis 2015 von zurzeit 6,2 auf mehr als 8 Millionen TEU (Twenty-foot Equivalent Unit) wachsen wird.

Was von derartigen Vorhersagen allerdings zu halten ist, zeigt die bereits erwähnte, ebenfalls auf das Jahr 2025 ausgerichtete Prognose zur Entwicklung des Lkw-Aufkommens aus dem Jahre 2007 (Datengrundlage 2006). Da diese bereits nach sieben Jahren drastisch nach unten korrigiert werden muss, ist sie - auch aus meiner Sicht - als Grundlage für die Umsetzung des geplanten Tunnelprojekts nicht mehr zu halten.


Claus-Groth-Straße, im Hintergrund verläuft die Cherbourger Straße
Erfahrungsgemäß ist der "gesunde Menschenverstand" manchmal ohnehin zielführender. Sollte beispielsweise das "Größenwachstum" auch bei kommenden Generationen von Container-Frachtschiffen tatsächlich weiterhin anhalten, dann werden diese zukünftig verstärkt im neuen Tiefwasserhafen "Jade Weser Port Wilhelmshaven" anstatt in Bremerhaven umgeschlagen werden. Denkbar wäre es natürlich, dass die Container in Wilhelmshaven auf kleinere Containerschiffe umgeladen werden, die ihre Fracht dann am Containerterminal in Bremerhaven anlanden könnten.

Ich rechne jedoch eher damit, dass die Güter in Wilhelmshaven direkt über die neue Bahnanbindung des neuen Tiefwasserhafens ins Binnenland transportiert werden, was den Wachstumsprognosen für den Güterumschlag über die bremischen Häfen in Bremerhaven einen weiteren Dämpfer versetzen dürfte. Nebenbei bemerkt würde meines Erachtens daran auch eine weitere Vertiefung der Weser nichts ändern. Auch derartige Wasserbaumaßnahmen unterliegen geologischen und physikalischen Grenzen, deren Überschreitung Nachteile für andere Arbeitsplätze, Gefährdungen der Küstenschutzes und damit zusammenhängende Folgekosten nachziehen würden, die in keinem Verhältnis zu einem möglichen, kurzfristigen Nutzen stehen.

Heute noch auf den Zuwachs des Güterverkehrs auf der Straße zu setzen, ist in Anbetracht der dabei zu erwartenden Zunahme der CO2-Emissionen und angesichts der aus Klimaschutzgründen gleichzeitig notwendigen Senkung eben genau dieser Emissionen schlicht unvernünftig. Wer meint, er könne mit dem Titel "Klimastadt Bremerhaven" werben, gleichzeitig aber eine dem widersprechende Politik betreiben, der macht sich unglaubwürdig und schadet dem Image unserer Stadt. Schon aus diesen Gründen ist die Verlagerung des Hafenverkehrs von der Straße auf die Schiene notwendig.

Sinnvoller wäre es daher, die 200 Millionen Euro in den Ausbau der Kapazitäten der Bahn im Hafengelände und der Bahntrasse zwischen Bremerhaven und Bremen zu investieren. Da die 120 Millionen Fördergelder für das Tunnelprojekt aus Berlin jedoch zweckgebunden sind, macht es leider wenig Sinn darüber nachzudenken, wofür man das Geld gewinnbringend ausgeben könnte. Sollte es jedoch im geplanten Hafentunnel versenkt werden, dann wäre das in meinen Augen ein weiterer Fall von Steuergeld-Verschwendung.


Februar 2013

Zwischenverfügung verbietet Rodungen

Claus-Groth-Straße: Hier soll der Tunnel auf die Cherbourger Straße treffen
Gerade noch rechtzeitig kam für die Tunnelgegner die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Bremen. Wie am 07.02.2013 in der Nordsee-Zeitung zu lesen war, hatte es den "sofortigen Vollzug der Baumaßnahmen" außer Kraft gesetzt und den Beginn der Rodungsarbeiten in ersten Februar Woche per Zwischenverfügung untersagt. Bis zu einer endgültigen Entscheidung des Gerichts dürfe jetzt weder gerodet noch mit den Erdarbeiten für den Tunnel begonnen werden. Das Gericht habe die Entscheidung in Anbetracht der Kürze der Zeit zur Sicherung des effektiven Rechtsschutzes für geboten gehalten. Mit einem Urteil in der Sache sei wohl erst in einigen Monaten zu rechnen.

Herr Grantz (SPD, Oberbürgermeister) gehe jedoch davon aus, dass die Zeitverzögerung nach einem für die Planer positiven Urteil wieder aufzuholen ist. Dazu müsse dann eben eine Ausnahmegenehmigung für das Fällen von Bäumen eingeholt werden.
  • Mit Einsetzen der Wachstumsperiode, Stichtag dafür ist der 1. März, ist das Fällen von Bäumen verboten. Wahrscheinlich denken sich unsere Volksvertreiber ja, wenn wir schon die Eigenheime unserer Wähler abgerissen haben, dann kommt es auf die paar Nester mit den Eiern oder Küken einiger Singvogelfamilien auch nicht mehr an.

Vollendete Tatsachen: Abgeräumte Grundstücke an der Cherbourger Straße
In dem Bericht der Nordsee-Zeitung vom 07.02.2012 kommt unter anderem auch Herr Kaminiarz (Grüne, Fraktionsvorsitzender) zu Wort (Zitat):
"Damit wird verhindert, dass vorzeitig vollendete Tatsachen geschaffen werden." Das geschehe auch aus Respekt vor den Klägern. Bei den Grünen waren in den letzten Wochen Zweifel über die Notwendigkeit einer unterirdischen Hafenanbindung laut geworden. Durch den von ihnen reklamierten Beratungsbedarf war auch verhindert worden, dass die für den Tunnelbau nötige Änderung des Flächennutzungsplans wie geplant in der Stadtverordnetenversammlung am 31. Januar beschlossen werden konnte.

Der Bericht schließt mit den post-prophetischen Worten Herrn Bödekers (CDU, Fraktionsvorsitzender, Zitat):
"Nun ist genau das eingetreten, was ich vorhergesagt habe", sagte der CDU-Fraktionschef Paul Bödeker. "Ohne einen gültigen Flächennutzungsplan und ohne die noch offenen Grundstücksfragen zu verhandeln, konnte das ja nur schiefgehen." Seinem Parteifreund Holm wirft Bödeker vor, die Anwohner durch sein Verhalten noch aufgestachelt zu haben: "Das war ausgesprochen ungeschickt von ihm."

Ob dabei wohl vielleicht auch ein ganz kleines bischen Schadenfreude mit im Spiel sein sollte? Dass der so Gemaßregelte allerdings nicht im Geringsten daran interessiert war, es in dieser Angelegenheit mit diplomatischem Geschick zu versuchen, ist durch das Zitat aus der Nordsee-Zeitung vom 12.01.2012 eindrucksvoll belegt.


(Quellen: Nordsee-Zeitung vom 07.02.2013 und vom 29.01.2013, Unternehmerverein Bremerhaven Unterweser ev. - Klagebegründung vom 29.01.2013 und Pressemitteilung vom 22.01.2013, Vorlage Nr. VI 97/2012-1 für die Sitzung des Bau- und Umweltausschusses am 22.01.2013, Nordsee-Zeitung vom 12.01.2013, Die Grünen - Pressemitteilung vom 10.01.2013, Seestadtpresse vom 18.10.2012, Nordsee-Zeitung vom 13.10.2012, Bremerhaven Portal - Bürgernetz - Hafenanbindung A27 - Präsentation am 30.07.2007, Unternehmerverein Bremerhaven Unterweser ev. - Pressemitteilung vom 21.01.2006, Radio Bremen, Gegen den Tunnel - Was bisher geschah, Jade Weser Port Wilhelmshaven - Bahnanbindung, Klimastadt Bremerhaven, Wikipedia)

1 Kommentar:

Hermann hat gesagt…

Jürgen, das ist eine sehr informative und interessante Zusammenstellung von Fakten und Informationen. Ich denke, um eine Entsheidung zu treffen, ob der Tunnel überhaupt noch erforderlich ist, müßte mann bei "Null" anfangen. Es nützt nichts, irgendwelche Koalitionsvereinbarungen durchzusetzen und einen Tunnel zu bauen, der nicht erforderlich ist. Alle Pläne und Statistiken müssen neu auf den Tisch und dahingehend überprüft werden, ob die zum Teil veralteten Zahlen und Argumente heute noch relevant sind. Sonst haben wir heute einen Tunnel in Bremerhaven, den niemand braucht, für den aber Häuser abgerissen, Menschen umgesiedelt und Bäume gerodet wurden.
Dann haben wir ein weiteres Bauwerk, das Steuern verschlungen hat. So geht es schon seit Jahrzehnten. Mir fällt dazu spontan der Elbe-Seiten-Kanal ein, der Anfang der siebziger Jahre fertig wurde, um Bahn und Straße zu entlasten. Alles ist anders gekommen, es sind kaum Frachtkähne auf dem Kanal unterwegs. Heute nicht und auch nach der Fertigstellung nicht. Ein teures Vergnügen für Sportschiffer.
Oder der Flughafen in Berlin. Wahrscheinlich wird das Teil nie fertig, irgendwann werden in die Gebäude Supermärkte oder Baumärkte einziehen. Abreißen und neu bauen ist wohl billiger, als dass man die Fehler und Versäumnisse beseitigt.
Oder der Tiefwasserhafen in W´haven. Der mußte ja auch unbedingt gebaut werden und verschlang Millionen und verschlingt noch weitere Millionen. Nur ist dort jetzt Kurzarbeit angesagt. Fehler und Versäumnisse bei der Bauausführung auch hier. Warum wurden während der Bauzeit keine Reedereien verpflichtet, ihre Schiffe nach W´haven zu schicken? Da Termine nicht eingehalten wurden, ist wohl auch das Vertrauen futsch, kein Schiff will kommen! Die Dummen sind die dortigen ArbeiterInnen und die SteuerzahlerInnen.
Die DASA hat vor den Toren Hamburgs durchgesetzt, dass im Alten Land Grundstücke enteignet wurden und die Elbe ausgebaggert wurde, damit größe Flugzeuge starten können. Die Eigentümer sind ihre Grundstücke los, es hat viel Streit gegeben, viel Geld wurde verschleudert, aber die Start- und Landebahn wird nicht mehr gebraucht.
Wann begreifen (unsere) Politiker endlich, dass Sie nicht gewählt wurden, um sich in Denkmal zu setzen sondern für das Wohl der Bevölkerung da sind?
Große Baumaßnahmen sind nur notwendig, wenn die Wirtschaft wächst. Ohne Wachstum brauchen wir keinen neuen Tunnel. Aber kein Politiker würde zugeben, dass die Grenze des Wachstums erreicht ist, Sie fühlen sich dazu berufen, Wachstum zu prognostizieren. Also werden Tunnel gebaut und Straßen und Bahnhöfe und Häfen und, und und...
Wir haben die Grenze des Wachstums längst erreicht. Darum werden wir immer Arbeitslose haben, darum werden wir niemals unsere Schulden abbauen können. Darum werden neue Schulden gemacht, um neue Bauten in Angriff nehmen zu können, um die Arbeitslosen in Beschäftigung zu bringen. Es werden völlig überflüssige Dinge produziert, unterstützt von den Banken, die an den Schulden ja verdienen...
Wann kommt der große Knall? Er kommt, aber wann?? Es kommt mir vor, wie eine Familie, die über ihre Verhältnisse lebt. Es werden Schulden gemacht, um alte Schulden zurückzuführen und nebenbei Dinge zu kaufen, die niemand benötigt. Die ganze Wohnung ist dann mit unnützem Kram vollgestopft. Am Ende steht die Privatinsolvenz

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