Mittwoch, 9. Januar 2013

Irischer Papierfrieden


Nordirland: Immer noch protestantischer Hass auf die Katholiken (Weltspiegel, 14.10.2012)

In Nordirland herrschte bis zum Friedensabkommen im Jahre 1998 ein Bürgerkrieg, bei dem in 30 Jahren mehr als 3600 Menschen umkamen. Während der Jahre des Bürgerkriegs hieß es immer, es ginge dabei um den Konflikt zwischen London-treuen Protestanten und nach einem vereinten Irland strebenden Katholiken.

Ein Religionskrieg sind die Auseinandersetzungen um Nordirland zwischen Iren und Briten jedoch nie gewesen. Ich verwende deshalb die Begriffe Unionisten bzw. Republikaner und Royalisten bzw. Nationalisten. Die Wurzeln für die Gewalt in Nordirland reichen weitaus tiefer in die Vergangenheit zurück, als nur bis zur Gründung der Irisch Republikanischen Armee (Irish Republican Army, IRA). Sie beruhen unter anderem auf den Ereignissen im 15. Jahrhundert, als Wilhelm III von Oranien im Juli 1690 im "Battle of the Boyne" den Sieg über das irisch-französische Heer des katholischen englischen Königs James II errang. Im Gedenken an die Schlacht am Boyne veranstalten auch heute noch Anhänger des pro-britischen Oranier-Ordens in den nordirischen Städten Märsche, die auch durch irisch-republikanische Wohngebiete führen.

Die Teilung Irlands in die Republik Irland und Nordirland war die Folge des Anglo-Irischen Krieges von 1919 bis 1921. Fünfzig Jahre später, während der Jahre 1969 bis 1998 hatte der radikal militante Flügel der IRA versucht, die britischen Nationalisten mit Terroranschlägen gegen britische Einrichtungen aus Nordirland zu vertreiben. Im Laufe der letzten 14 Jahre nach dem Abschluss des Friedensabkommens begann die Erinnerung an den Konflikt um Nordirland in Europa langsam zu verblassen.


Der Friede auf dem Papier

Spuren des Konflikts auf den Mauern Belfasts (Foto: ©Sitomon, CC: BY-SA)
In den Städten Nordirlands sind die Spuren des Konflikts jedoch auch heute noch allgegenwärtig. Hohe Mauern trennen die Wohngebiete pro-britischer Nationalisten von denen der pro-irischen Unionisten. Großflächige Wandgemälde an Hauswänden verherrlichen immernoch die Gewalt in Nordirland gegen Ende des letzten Jahrunderts. Immer wieder kam es auch nach dem Friedensabkommen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Immer noch gibt es gewaltbereite Nationalisten, die sich nicht damit abfinden können, dass sie ihren Machtanspruch gegenüber den Unionisten aufgeben mussten, die eine Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland anstreben.

Mit dem Friedensabkommen von 1998, das die Teilung der Macht im Lande zwischen Nationalisten und Unionisten vorsieht, wurde zwar der Verfassungsanspruch Irlands auf Nordirland aufgehoben, aber für den Fall, dass sich eine Mehrheit der Nordiren dafür ausspräche, beinhaltet das Friedensabkommen auch die Möglichkeit einer Wiedervereinigung mit der Republik Irland.

Seit 2011 stellen die Unionisten erstmals die Mehrheit im Stadtrat von Belfast. Seit dieser Anfang Dezember 2012 mit 29 gegen 21 Stimmen den Beschluss fasste, die britische Flagge zukünftig nur noch zu besonderen Anlässen und an 17 Feiertagen zu hissen, und nicht mehr täglich, wie es bisher üblich war, ist es um den Frieden auf den Straßen von Belfast schlecht bestellt.

Gewalttätige Nationalisten nutzten anfangs friedliche, pro-britische Demonstrationen für ihre Zwecke. Die Folgen sind seit inzwischen mehreren Nächten in Folge brennende Autos und Barrikaden, sowie der Einsatz von Steinen, Flaschen, Feuerwerkskörpern, Rauchgranaten oder Brand Brandsätzen gegen die Sicherheitskräfte. Auch Schüsse sollen schon auf Polizisten abgegeben worden sein. Zahlreiche Polizisten sind inzwischen schon verletzt worden. In der Folge setzte die Polizei Wasserwerfer und Gummigeschosse gegen Demonstranten ein und nahm eine große Zahl von ihnen fest.


Gewalt erzeugt neue Gewalt

Ich habe den Groll der Iren gegen die Machtansprüche Englands in Irland immer nachvollziehen können. Aber ich habe trotzdem nie verstehen können, warum die IRA ihren Terror damals solange aufrechterhalten hat. Bereits in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrunderts war abzusehen, dass die Gewalt zu nichts führen würde. Ebensowenig kann ich heute die pro-britischen Nationalisten verstehen, die es sich nie nehmen lassen haben, die Republikaner immer und immer wieder aufs neue grundlos zu provozieren. Es reicht eben nicht, wenn irische und britische Politiker ein Stück Papier unterzeichnen, wenn es den Briten nicht gelingt, ihre Anhänger in Nordirland davon zu überzeugen, dass Nordirland auf Dauer nur britisch bleiben wird, wenn die dauernden Provokationen und die Gewalt endlich ein Ende haben werden. Wenn in Nordirland nicht bald wirklicher Frieden einkehrt, dann würde es mich nicht wundern, wenn auch eine neue IRA eines Tages wieder für Schlagzeilen sorgen würde.


(Quellen: Tagesschau vom 09.01.2013, taz vom 08.01.2012, Süddeutsche Zeitung vom 07.01.2013, Weltspiegel vom 14.10.2012, ARD Mediathek)

1 Kommentar:

Der Geestendorfer hat gesagt…

Hallo Jürgen,

für mich ist der Konflikt in Nordirland auch ein Religionskrieg. Zwar nicht vordergründig. Aber die Abstammung, ob du Katholik oder Protestant bist, spielt eine wichtige Rolle. Gott sei dank haben wir Deutschen das nach dem fürchterlichen 30jährigen Krieg hinter uns gebracht.

Tschüss
Holger

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