Montag, 16. Juli 2012

Der "Euronaut"

U-Boot "Euronaut", Taufe, Stapelhub und eine "Ehrenrunde" (Bardenfleth, 7. Juli 2012)

Es muss so um 1980/1981 herum gewesen sein, als Carsten und ich uns kennenlernten. Wir engagierten uns damals gemeinsam mit einigen anderen Gleichgesinnten aus Bremerhaven in der örtlichen Kontaktgruppe einer Umweltschutzorganisation. Ein weiterer gemeinsmer Freund aus dieser Zeit besaß eine Fahrtenyacht, auf der einige von uns viele Jahre lang Mitsegler waren.

In dieser Zeit begann Carsten seinen Jugendtraum zu verwirklichen. Zwei seiner Hobbys sind das Tauchen und das Interesse an Unterwasserarchäologie. Im Laufe der Zeit hat er eine Datenbank mit Informationen zu mehr als 40000 untergegangenen Schiffen und über Seegebieten abgestürzten Flugzeugen aufgebaut. Zusätzlich besitzt er ca. 400 Bücher und 250 Seekarten zum Thema. Die Verbindung aus seinen beiden Hobbys bezeichnet er als "Wracktauchen".

Da viele der für ihn interessanten gesunkenen Schiffe ihren letzten Liegeplatz in größeren Tiefen gefunden haben, stießen seine Möglichkeiten, diese Orte von einem Sportboot aus mit einer Tauchausrüstung zu erreichen, schnell an ihre Grenzen. So machte er sich bereits als Jugendlicher Gedanken um den Bau eines eigenen U-Boots. Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts lag die Schulzeit hinter ihm und er hatte ein Schiffbau-Studium begonnen.


"Sgt. Pepper's"

Damals begann er damit, sein erstes U-Boot-Projekt in die Tat umzusetzen. Die finanziellen Mittel eines Studenten sind bekanntlich in der Regel nicht gerade üppig. Das Boot musste deshalb entsprechend klein und einfach ausfallen, aber gleichzeitig natürlich alle technischen- und Sicherheitsstandards eines professionellen U-Boots erfüllen, mit dem Wassertiefen von 100 bis 200 Metern erreicht werden sollten. Das Ergebnis war die 1987 fertiggestellte "Stg. Pepper's", ein rund drei Meter langes Boot, das der Pilot auf dem Bauch liegend mithilfe von am Bug und am Heck horizontal und vertikal angebrachten Elektromotoren unter Wasser in alle Richtungen des dreidimensionalen Raums steuern kann.

Die kleine "Stg. Pepper's" hat inzwischen eine recht bewegte Geschichte hinter sich und ist unter anderem 1989 durch einen Eintrag als "kleinstes bemanntes und voll funktionsfähiges U-Boot" im "Guinnes Buch der Rekorde" international bekannt geworden. Damit kam Carsten zwar bis an die Wracks heran, aber wirklich erforschen konnte er sie damit nicht. Das Boot ist zu groß, um damit gefahrlos in ein gesunkenes Schiff hineinzufahren.

So begannen Carstens Pläne für ein "richtiges" U-Boot zu reifen, das für eine Reichweite von etwa 500 Seemeilen ausgelegt ist und von dem aus Taucher in einer Wassertiefe von bis zu 250 Metern Wassertiefe das innere von gesunkenen Schiffen oder über See abgestürtzten Flugzeuge untersuchen können. Im Jahre 2000 begann er damit, sein zweites U-Boot-Projekt zu realisieren.


"Euronaut"

Im Bug des "Euronaut" gibt es eine eine Druckkammer mit einer Taucherausstiegsluke im Boden des Bootes. Damit können Taucher unter Wasser aus dem U-Boot aussteigen und zu einem Wrack schwimmen, um sein Inneres zu untersuchen. Taucher, die von einem Schiff aus zu Tauchgängen aufbrechen, müssen darauf achten, dass sie beim Auftauchen Dekompressionszeiten einhalten. Da der Sauerstoffvorrat eines auf dem Rücken mitgeführten Druckzylinders begrenzt ist, verringert sich mit zunehmender Wassertiefe die Zeit, die ein Taucher an seinem Tauchziel verbringen kann.

Mit seiner Taucher-Druckkammer ist der "Euronaut" so etwas wie eine mobile Taucherbasisstation. Die Kompressions- und Dekompressionszeiten verbringen die Taucher in der Kammer. Darin wird der Druckausgleich durch langsames Erhöhen bzw. Senken des Luftdrucks durchgeführt. So steht der Sauerstoffvorrat der Taucher im Druckzylinder vollständig für die Tauchzeit vor Ort zur Verfügung.

Am Samstag, dem 7. Juli 2012 - nach einer Bauzeit von zwölf Jahren - wurde Carstens Jugendtraum von einem eigenen U-Boot endgültig Wirklichkeit: Der "Euronaut" hatte seinen ersten Kontakt mit seinem eigentlichen Element.

Ein Schiff an Land oder im Dock wirkt auf mich immer wie ein an den Strand gespülter toter Fisch: Man sieht ein Wasserfahrzeug, man sieht vielleicht auch die technischen Details, aber man spürt nichts. Ein Schiff im Wasser bewegt sich mit den Wellen. Man spürt die Vibrationen seiner Maschine oder - im Falle eines Segelschiffs - wie es auf den Wind reagiert, hört seine Geräusche und die des umgebenden Wassers. So war es auch am Tage des Stapelhubs. In dem Moment, als die Plattform der Slip-Anlage mit dem U-Boot darauf so tief im Wasser war, dass der "Euronaut" von seiner Unterlage frei kam, begann er sozusagen "zu leben" ...

Zeugen dieses denkwürdigen Ereignisses waren die meisten von Carsten's Freunden und Bekannten, die er im Laufe der Jahre kennengelernt hatte. Somit wurde der Stapelhub des "Euronaut" für mich gleichzeitig auch zu einem Wiedersehen mit einigen meiner Bekannten aus den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, von denen ich einige schon seit längerer Zeit nicht mehr getroffen hatte.

Technische Daten

U-Boot "Euronaut"
IMO: DGBV2
Heimathafen: Brake (Unterweser)

Länge über alles: 16,01 m
Breite über alles: 2,50 m
Druckkörperdurchmesser: 2,50 m
Höhe über Deck: 2,86 m
Höhe über Turm: 4,17 m

Verdrängung aufgetaucht: 57,3 t
Verdrängung getaucht: 67,6 t

Nenntauchtiefe: 250 m
Testtauchtiefe: 320 m
Zerstörungstiefe: >500 m
Max. Tauchzeit: 7 Tage

Antrieb: Dieselelektrisch
Leistung: 190 PS
Geschwindigkeit: ca. 8 kn
Reichweite: ca. 500 sm

Besatzung: 3 bis 5 Personen


Detaillierte Informationen, sowie jede Menge Fotos und Videos, die während der zwölfjährigen Bauzeit des "Euronaut" entstanden sind, gibt es auf Carsten's Internetseite "EURONAUT.org" zu sehen.


It's been a long way ...

Die Musik des Blasorchesters, die während des Stapelhubs im Hintergrund zu hören ist, kam aus den Lautsprechern einer Musikanlage eines der Getränke- oder Bratwurststände. Es handelt sich dabei um das Lied "It's a long Way to Tipperary", das unter anderem auch in dem Spielfilm "Das Boot" von Wolfgang Peters zu hören ist.

Im Film singt die Besatzung des deutschen U-Boots "U 96" das Lied zu einer Grammophon Schallplatte, die der Kapitän aufgelegt hatte. Dazu muss man wissen, dass dieses Lied eines der meistgesungenen Lieder der englischen Soldaten im Ersten Weltkrieg war. Das gemeinsame Singen des "Feindliedes" an Bord eines deutschen U-Boots im Zweiten Weltkrieg hätte die gesamte Besatzung unter Umständen Kopf und Kragen kosten können. Dabei ist das Lied eigentlich alles andere als ein Kriegslied:
  • Dem Iren Paddy gefällt es in der weiten Welt recht gut. Er schreibt seiner Verlobten einen Brief. Sie schreibt zurück: Ein anderer Mann habe ihr einen Heiratsantrag gemacht und sollte Paddy nicht rechtzeitig zurück in Tipperary sein, dann hätte er das Nachsehen. Aber: Es ist ein weiter Weg bis Tipperary. Es ist ein weiter Weg den er zu gehen hat, um wieder bei dem süßesten Mädchen zu sein, das er kennt. So verabschiedet er sich von Piccadilly, von Strand und von Leicester Square: "Es ist ein weiter Weg bis Tipperary, aber dort wartet meine Liebste auf mich." Den Text des Liedes und weitere Informationen kann man auf Wikipedia nachlesen.

Auch für Carsten war es - im übertragenen Sinne - ein weiter Weg bis sein Jugendtraum in Erfüllung ging. Insofern passte das Lied eigentlich recht gut an der Stelle. Ich wünsche dem "Euronaut" und seiner Besatzung - über und unter Wasser - allzeit gute Fahrt und immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel.


(Quellen: Carsten Standfuß' "EURONAUT.org", Wikipedia, First World War [englisch] )

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