Sonntag, 17. Januar 2016

Wir haben es satt - zum 6. Mal

Unter dem Motto "Wir haben es satt" sind gestern in Berlin wieder mehrere tausend Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet im Rahmen einer Großdemonstration gegen die deutsche und europäische Agrarpolitik auf die Straße gegangen. Sie forderten unter anderem das Ende der Massenproduktion von Milch und Fleisch zu Dumpingpreisen und protestierten gegen das Höfesterben.

Zu der Großdemonstration hatte ein breites Bündnis aus mehr als 100 Organisationen aus Landwirtschaft, Imkerei, Natur-, Tier- und Verbraucherschutz, Entwicklungsorganisationen und dem Lebensmittelhandwerk aufgerufen. Die Organisatoren vom Bündnis "Wir haben es satt" hatten 23000 Menschen gezählt, deren Demonstrationszug von von 130 Treckern angeführt wurde. Damit seien so viele Landwirte mit ihren Traktoren angereist, wie nie zuvor. Die Sicherheitskräfte sprachen von etwa 13500 Demonstranten.

Umwelt- und Agrarverbände sehen die Landwirtschaft am Scheideweg. Entweder lässt man die Politik gewähren und es geht auf direktem Weg in die Abhängigkeit von multinationalen Chemie-, Gentechnik- und Lebensmittelkonzernen, oder man setzt sich dagegen zur Wehr und versucht, die Existenzgrundlage der noch verbliebenen bäuerlichen- und ökologischen Landwirtschaftsbetriebe zu retten und die genetische Vielfalt unserer Nahrungsmittel zu bewahren.

Die Demonstranten forderten unter anderem eine genaue Herkunftskennzeichnung für Fleisch- und Milchprodukte, das Verbot von Gentechnik in der Landwirtschaft und einen gerechten Welthandel. Um multinationale Konzerne daran zu hindern, ihre bisher in der EU verbotenen gentechnisch veränderten- oder agrarchemischen Produkte mithilfe der Urteile von internationalen Schiedsgerichten (ISDS) in der EU zu vermarkten, richtete sich ihr Protest auch gegen die von der Politik angestrebten sogenannten "Frei"-Handelsabkommen TTIP, CETA und Co.

Der Demonstrationszug durch die Stadt endete mit einer Abschlusskundgebung vor dem Bundeskanzleramt. Herr Janßen (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Geschäftsführer) forderte die Bundsregierung auf, sich für eine ökologische Landwirtschaft einzusetzen. Er sagte: "Die Agrarindustrie haben wir satt." Diese setze auf steigende Exporte vor allem von Fleisch- und Milchprodukten zu Dumpingpreisen.

Die aktuelle Agrarpolitik der Bundesregierung ziele nur auf eine Steigerung der Exporte. Der dadurch hervorgerufene Preisverfall bedrohe die Existenz vieler Bauern. So hätten im gerade zu Ende gegangenen Jahr 2015 vier Prozent der deutschen Milchbauern ihren Hof aufgeben müssen. Auch in der Region sei ein kontinuierlicher Rückgang bei Zahl der Milchproduzenten zu verzeichnen.

Die Förderung von Agrarkonzernen müsse beendet werden. Anstelle der einseitigen Exportorientierung forderte Herr Janßen eine Qualitätsoffensive seitens der Agrarpolitik.


Agrarfabriken gibt es nicht ...

Vor dem Berliner Hauptbahnhof hatten sich unter dem Motto "Wir machen Euch satt" etwa fünfhundert Landwirte zu einer Gegendemonstration versammelt. Sie warben für eine "moderne" Produktion von Lebensmitteln und warfen den anderen Demonstranten "ideologische Voreingenommenheit" und "Diffamierung landwirtschaftlicher Unternehmen und ihrer Betreiber" vor. Unter dem Slogan "Redet mit uns statt über uns" forderten das Bündnis "Wir haben es satt" auf, mit der Agrarindustrie in einen Dialog zu treten.

Herr Lucht (Landwirt) sagte: "Wir wollen zu einem sachlichen Dialog zurückkehren. Wir haben in Deutschland immer noch eine bäuerliche Landwirtschaft, die angeprangerten Agrarfabriken gibt es nicht." (... und die Erde ist eine Scheibe)

Wenn Herr Lucht sagt, "noch" gebe es bäuerliche Landwirtschaftsbetriebe in Deutschland, dann trifft das glücklicherweise zu. Wenn man allerdings von der Annahme ausgeht, dass - wie im Jahre 2015 - jährlich allein vier Prozent der deutschen Milchbauern ihren Betrieb aufgeben müssen, dann kann jeder für sich selbst ausrechnen, wie lange es die bäuerliche Landwirtschaft hierzulande wohl noch geben wird.


... - Wirklich nicht?

Tatsache ist ebenfalls, dass Mitte der fünfziger Jahre bereits die Vorgänger-Organisattionen der heutigen EU (Römische Verträge, EWG) einen gemeinsamen Agrarmarkt anstrebten. Als Mittel zum Zweck sollten unter anderem die "Modernisierung der Agrarstrukturen" und "standardisierte Agrarprodukte" dienen.

Rückblickend wurde mit der Festlegung auf "standardisierte Agrarprodukte" bereits damals die endgültige Einschränkung der Sortenvielfalt besiegelt. In weniger als einhundert Jahren sind mehr als drei Viertel der Vielfalt in der Landwirtschaft verloren gegangen. Heute kämpfen Menschen gegen die Politik und das Monopol- und Profitstreben multinationaler Konzerne darum, zu retten, was noch zu retten ist.

Mit dem Ziel, eine großflächige, industrielle Landnutzung(!) zu ermöglichen, führte die "Modernisierung der Agrarstrukturen" in Deutschland zur umfangreichen Ausräumung von Landschaftsbestandteilen. Die Folgen der sogenannten Flur-"Bereinigung" und der daraus resultierenden Zerstörung natürlicher bzw. naturnaher Lebensräume machen sich bis heute bemerkbar:
  • Verödung der Landschaft und Erosion infolge der Förderung von Monokulturen
  • aktuell die rasant zunehmende "Ver-Mais-ung" unserer Landschaft
  • Bienensterben infolge des massiven Einsatzes von Chemikalien (sogenannte Pflanzen-"Schutzmittel", hier die Gruppe der Neonicotinoide)
  • Verluste an Biodiversität als Folge der Rodung von Hecken und der Vernichtung von Ackerrandstreifen
  • Artensterben (beispielsweise gehört der früher einmal häufig anzutreffende Feldhamster inzwischen zu den gefährdeten Arten)
  • Kanalisierung von Bächen
  • Verluste von Auwäldern

Eine weitere Folge der "Modernisierung der Agrarstrukturen" ist die industrielle Massentierhaltung:
  • Eier-"Produktion" auf engstem Raum und das "Shreddern" bzw. Vergasen männlicher Küken (man muss das einmal gesehen haben, um wirklich verstehen zu können, was damit gemeint ist!)
  • Fleisch-"Produktion" unter massivem Einsatz von Hormonen und Antibiotika. Daraus resultierende Antibiotikaresistenzen von Krankheitserregern stellen inzwischen eine ernsthafte Bedrohung für die Humanmedizin dar. Infolge des steigenden Einsatzes von Hormonen in der "Schweineproduktion" und der daraus resultierenden enormen Steigerung der Ferkelzahl je Wurf kommen vermehrt Ferkel tot zur Welt oder sterben kurz nach der Geburt (BUND, Broschüre "Die Lügen der Agrarindustrie", Seite 7).

Tiere sind keine Produkte menschlicher Ingenieurskunst. Sie werden ebenso von Müttern geboren wie wir Menschen - oder sie schlüpfen aus Eiern, die ihre Mütter in ein Nest gelegt und ausgebrütet haben. Daran ändert sich selbst dann nichts, wenn Menschen die Eier aus den Nestern nehmen und in einem Brutschrank ausbrüten. Tiere sind unsere Mitgeschöpfe. Wenn wir schon darauf angewiesen sind, uns von ihnen zu ernähren, dann verdienen sie während ihres ohnehin nur kurzen Lebens zumindest unsere Achtung und dass wir fürsorglich mit ihnen umgehen.

Wer all das - und darüber hinausgehend auch noch die Forderungen einiger Agrarökonomen, den Einsatz gentechnisch veränderter Futter- und Nahrungspflanzen in Deutschland zuzulassen - ausblendet, der wird auch die "angeprangerten Agrarfabriken" nicht sehen können oder wollen. Da frage ich mich, wie in der Vorstellung Herrn Luchts wohl ein erfolgversprechnender Dialog der bäuerlichen Landwirtschaftsbetiebe - in der Regel sind das Familienbetriebe, viele davon seit vielen Generationen - mit der Agrarindustrie(!) zustande kommen soll.

Die sogenannte "moderne Agrarindustrie" begibt sich heute mehr und mehr in die Abhängigkeit multinationaler Chemie- und Agrarkonzerne. Ein Blick in die USA, wo die Landwirtschaft bereits seit Jahrzehnten am Tropf des multinationalen Chemie- und Gentechnik-Giganten "Monsanto" hängt, der auch schon diverse Versuche unternommen hat, mit seinen gentechnisch veränderten Pflanzen und darauf abgestimmten Pflanzenmassenvernichtungsmitteln in Europa Fuß zu fassen, sollte für die Landwirte und die Verbraucher hierzulande, sowie in Europa, eigentlich Warnung genug sein. Mit "konventioneller" oder "bäuerlicher" Landwirtschaft hat das nämlich nichts mehr zu tun - und mit biologischer Landwirtschaft schon gar nicht!

Die Verbraucher in den USA müssen die gentechnisch veränderten Lebensmittel essen, die auf ihre us-amerikanischen Tische kommen - ob sie das nun wollen, oder nicht: Die Möglichkeit, als vermeintlich "freie" Amerikaner frei darüber zu entscheiden, was sie essen wollen, haben sie schon längst verloren. Diese Freiheit ist ihnen bereits vor langer Zeit von multinationalen Konzernen wie "Monsanto" und Co. abgenommen worden.

Wenn wir in Deutschland und Europa nicht aufpassen und uns nicht dagegen zur Wehr setzen, dann konnte es uns in nicht allzuferner Zukunft ebenso ergehen. "Monsanto" wartet nur noch auf die Ratifizierung der sogenannten "Frei"-Handelsabkommen CETA und TTIP, um auch uns die Entscheidung darüber aus der Hand nehmen zu können, ob wir den Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel bei uns zulassen wollen oder nicht.


Eine "Fluchtursache"

Die Massenproduktion von Hühner- oder Schweinefleisch, für das es in Deutschland und Europa keinen Markt gibt, hat aber auch noch ganz andere Folgen. Zum Beispiel für die Menschen in Liberia, einem der ärmsten Länder Afrikas. Dorthin verramschen auch deutsche Firmen die Teile von Hühnern und Schweinen die bei uns niemand mehr essen will - und zerstören dort die Existenzgrundlage einheimischer Landwirte.

Erwin Wagenhofer hat in seinem Dokumentarfilm "We feed the World" bereits vor einigen Jahren gezeigt, dass Menschen, die in den Ländern Afrikas einmal von der Landwirtschaft gelebt haben, ihre Heimatländer verlassen und nach Europa auswandern, weil sie aufgrund europäischer Exporte nach Afrika in ihrer Heimat keine wirtschaftliche Perspektive mehr haben.

Gerade vor der aktuellen Diskussion über die Bekämpfung von Fluchtursachen ist das ein Problem, für das dringend eine politsche Lösung gesucht werden muss. Am einfachsten wäre es, den Export der Abfallprodukte - um nichts anderes handelt es sich bei den hierzulande unverkäuflichen Hühner- oder Schweineteilen - aus den Ländern der EU per Gesetz zu verbieten - und zwar nicht nur nach Afrika, sondern generell.


Mehr zum Thema:


(Quellen: Tagesspiegel vom 16.01.2016, Radio Berlin Brandenburg vom 16.01.2015, Spiegel vom 16.01.2016, Bündnis "Wir haben es satt", Wikipedia )

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