Sonntag, 28. April 2013

Geplante EU-Verordnung bedroht Saatgut-Vielfalt

Der Rotfranch, eine alte, heute seltene Apfelsorte: Keine Zulassung - kein Rotfranch?
Eine Fachabteilung der EU-Kommission arbeitet an einer neuen Saatgutverordnung, derzufolge Betriebe, die pflanzliches Saatgut erzeugen, künftig nur noch Sorten verwenden dürften, die ein amtliches, aufwändiges und teueres Zulassungsverfahren durchlaufen haben.

Das Verfahren könnten nur solche Sorten bestehen, die vorgegebene Normen, wie beispielsweise ein einheitliches Wachstum erfüllen. Ein herausragendes Merkmal vieler traditioneller Obst- und Gemüsesorten besteht jedoch gerade in ihren natürlichen Größen- und Form-Variationen.

Für "alte Sorten" ist ein vereinfachtes Zulassungsverfahren vorgesehen, das aber nur bei solchen Sorten greift, die nachweislich bereits auf dem Markt sind. Wieder entdeckte Sorten oder neue Kreuzungen blieben außen vor.

Die geplante Verordnung richtet sich gegen Landwirte und Initiativen, die sich um den Erhalt bedrohter Sorten und deren Fortentwicklung und Anpassung kümmern. Profitieren würden im wesentlichen multinationale Konzerne wie Monsanto, Pioneer oder BASF, die bereits heute marktbeherrschend sind. 

Wie weit die verhängnisvolle Entwicklung in diese Richtung schon fortgeschritten ist, verdeutlicht ein Bericht des Deutschlandfunks vom 17.09.2012. Dem zufolge gab es Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts noch über 1000 unabhängige Saatgutfirmen. Heute liegt weit über die Hälfte des Geschäfts in den Händen von zehn Großkonzernen! Ein weiteres Beispiel: Alten Listen von 1940 ist zu entnehmen, dass damals noch 190 Apfel- und 90 Birnensorten im Handel waren. Heute sind es höchstens noch ein Dutzend!

Ein weiterer, meines Erachtens nicht zu vernachlässigender Aspekt, der auf vielen Internetseiten von Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) thematisiert wird, ist der Erhalt der notwendigen genetischen Vielfalt, damit Obst- und Gemüsepflanzen die Möglichkeit zur natürlichen Anpassung an den bereits stattfindenden Klimawandel haben (mehr dazu unten unter "Zum Weiterlesen").

Mit ihrem Normierungs- und Reglementierungswahn würde die EU das Gegenteil von "genetischer Vielfalt" erreichen. Die noch vorhandene große Zahl traditioneller Sorten würde aussterben. Überleben würden nur einige wenige, an industrielle Normen angepasste Sorten. Aber nur eine große Auswahl an Obst-, Gemüse- und Getreidesorten und somit eine große genetische Vielfalt kann langfristig sowohl unsere Nahrungsgrundlage wie auch diejenige der nachfolgenden Generationen sichern.

Die neue EU-Saatgutverordnung darf deshalb nur das in industriellen Maßstab erzeugte Hybrid Saatgut betreffen. Traditionelle, alte Sorten müssen auch weiterhin frei gezüchtet und vermehrt werden dürfen. Darüberhinaus muss es für traditionell kultivierte Sorten ein Label geben, damit die Verbraucher die Möglichkeit haben, zu entscheiden, ob sie "industriell erzeugte" bzw. Hybridsorten oder traditionelle, regional kultivierte und angebaute Sorten kaufen wollen.

Die EU-Kommission will am 06.05.2013 über den Entwurf entscheiden. In einer E-Mail an seinen Verteiler schreibt das demokratische Netzwerk Campact, in vielen Staaten der EU rege sich bereits Widerstand gegen den Plan. Mit einem E-Mail Appell will Campact klarstellen, dass auch die Bürger und die Landwirte eine bunte Vielfalt statt genormter Einfalt auf ihren Feldern und in ihren Gärten und auf ihren Tellern fordern.

Der Appell im Wortlaut:
Die geplante EU-Saatgutverordnung muss mehr Vielfalt auf unseren Feldern und Tellern ermöglichen, statt sie zu vernichten. Traditionelle und regionale Sorten aber auch neu entwickelte Sorten, die nicht für den Massenmarkt bestimmt sind, müssen von Zulassungs- oder Zertifizierungspflichten befreit bleiben.

Strenge Regeln, Kontrollen, Prüfungen und kostspielige Zulassungen dürfen nur für Saat- und Pflanzgut gelten, das kommerziell und in großen Mengen gehandelt wird. Der freie Austausch von Samen und Setzlingen zwischen Bauern, Saatgutinitiativen und Gärtner/innen muss gewährleistet und unterstützt werden.

Nur eine große Auswahl an Obst-, Gemüse- und Getreidesorten sichert, dass unsere Landwirtschaft sich an den Klimawandel, neue Krankheiten, Schädlinge und neue Lebensstile anpassen kann. Wir wollen bunte Vielfalt statt genormter Einfalt!

MfG


Die internationale Organisation "Save our Seeds" (Rettet unser Saatgut) informiert auf ihrer Internetseite über den Hintergrund der geplanten neuen EU-Verordnung (Zitat):
Seit circa fünf Jahren wird an einer Überarbeitung des EU-Saatgutverkehrsrechts gearbeitet. Im November 2012 legte die Generaldirektion Gesundheits- und Verbraucherschutz (Sanco) einen ersten Entwurf für eine neue Verordnung zum Inverkehrbringen von Saat- und Pflanzengut zur kommissionsinternen Konsultation vor. Diese Verordnung soll 12 EU-Richtlinien und deren Umsetzung in einer Vielzahl unterschiedlicher nationaler Bestimmungen und Gesetze ersetzen und beinhaltet strengere Auflagen und eine weitere Normierung von Saatgut.

Für den weiteren Vertrieb einer Vielzahl lokal angepasster, seltener und alter Sorten von Gemüse, Obst und Getreide könnte die Verordnung unüberwindbare bürokratische und finanzielle Hürden aufbauen.

Wenn sie sich bis dahin geeinigt hat, will die Kommission den offiziellen Entwurf am 6. Mai vorlegen. Danach wird ihr Vorschlag im Europäischen Parlament und im EU-Ministerrat verhandelt, die sich darüber vor den Neuwahlen zum EU Parlament 2014 einigen müssten, damit die Verordnung 2015 in Kraft treten kann. Noch gibt es also Spielraum um eine nachhaltigere, gerechtere und vor allem vielfaltsorientierte Saatgut-Gesetzgebung in Europa zu fordern und durchzusetzen.


Zum Weiterlesen:


(Quellen: Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt vom 26.04.2013, Stern vom 25.04.2013, ORF vom 25.04.2013, Kurier vom 22.04.2013, WDR vom 27.03.2013, Deutschlandfunk vom 17.09.2012, Campact, Save our Seeds, Saatutkampagne, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft)

Kommentare:

Grey Owl Calluna hat gesagt…

.....das man Gesetze über die Natür verhängt, die die Artenvielfalt begrenz ist abartig........!!!....und echt NICHT normal!
Liebe Grüße Rosi

hansehase hat gesagt…

Hab grade die CAMPACT- Aktion unterzeichnet. Was die EU da grade veranstaltet, ist doch ein riesiger Kotau vor der LebensmittelMafia, den Mon**ntos dieser Welt. Auch deshalb muß man sich doch nicht wundern, wenn viele Bürger der EU die EU ablehnen, weil sie ja jeden Tag sehen, daß sich die Politik der EU gegen sie, gegen ihre Bürger richtet. EU-Politik als Lobbyismus für die Lebensmittel-Industrie. Das ist nicht nur ein Punkt, der die vielen positiven Aspekte der Europäischen Union überschattet und vielleicht eines Tages zu ihrem Ausenanderbrechen führt.

juwi hat gesagt…

@Grey Owl, @hansehase:
Das größte Problem scheint mir derzeit in all diesen Angelegenheiten (industrielle Landwirtschaft, Nahrungsmittel-Normen, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, Atomkraft, Klimawandel, ...), dass "Die da oben" immer noch nicht begriffen haben, dass die Naturgesetze (Physik, Chemie, Biologie, Geologie, ...) keine Rücksicht auf "menschengemachte" Gesetze nehmen. Wer meint, er könne der Natur zugunsten seines Profits mit seinen eigenen Gesetzen, Verordnungen und Paragrafen seinen Willen aufzwingen, der sägt an dem Ast, auf dem er sitzt.

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